Ich sehe mein Glück auf der Leinwand und bin glücklich

von Ann-Kristin Tlusty

Geschichten über Berlin gibt es viele. Und ich rede nicht von Alfred Döblin und seinem Alexanderplatz.

Ich meine Berlin, wie es gerade ist. Wie es von den Wochenendausflüglern bewundert und von denen, die seit einem halben Jahr hier leben, geschätzt, aber dennoch kritisch betrachtet wird – das haben sie gelernt, die kritische Betrachtung, die Distanz, die es stets zu wahren gilt. Berlin, wie es in Blog-Artikeln, Popsongs, auf Poetryslams und aus den Mündern stolzer Backpackertouristen beschrieben wird, die in anderen Metropolen Europas zu Hause sind. Die Stadt, für die ich als Wahl meines neuen Wohnorts ein bestätigendes Nicken von meiner Kleinstadtfamilie ernte. Ich denke an Berlin, wie es als Superlativ jedweder Richtung und Szene angepriesen wird. Wie es die sonntäglichen Feuilleton-Artikel darstellen, die sich, betont ironisch illustriert, über modische Phänomene, uniforme Erscheinungsarten, stereotype Berufs- und Interessensfelder, identitätsmanifestierende Stadtteilpräferenzen einer Generation und ihre Milchschaumkaffeekultur äußern, empören, begeistern, was auch immer.

Foto: Sophie Meuresch

Geschichten über Berlin gibt es viele. Ich kann sie nicht mehr hören und habe doch nichts Neues zu bieten – nur den entschuldigenden Hinweis, dass auch eine andere deutsche, europäische, nicht-europäische Stadt mich zu solch einem Text hätte verleiten können, ja, dass er vielleicht ein bisschen mehr ist als eine Berliner Geschichte.

Jetzt habe ich mich aber weit aus dem Fenster gelehnt. Apropos Fenster, da gucke ich gerade raus. Ein geschäftiger Rosenthaler Platz liegt vor mir. Er hält kurz an der Ampel, wirft genervte Blicke in Richtung des rot-leuchtenden, gelb-leuchtenden Kreises, dann tritt er wieder ins Pedal und aufs Gas. Wie die Insekten die Straßenbahndrähte einige Meter über dem Platz umschwirren, schwirren auch auf dem Boden alle herum. Bloß zielgerichteter. Trödeln tut hier außer den Touristen niemand. Es ist mir auch noch nie aufgefallen, dass es da oben Insekten gibt. Sind das Mücken, Fliegen?

Hinter mir ein Berliner Café, dessen Konzept und Publikum ich für zu durchschaubar halte, um weiter darüber nachzudenken. Ich betrachte mein Handy. Ein bisschen nervös macht mich der Umstand, dass es heute noch gar nicht vibriert hat. Das meines Gegenübers, der wie in Hypnose auf die Tasten seines Laptops einschlägt, hat es schon dreimal getan, seitdem ich hier sitze. Hat er etwa mehr zu tun als ich? Ist sein Leben etwa ausgefüllter?

Ich denke an ein Bild von Ernst-Ludwig Kirchner. Drei Frauen vor irgendeinem Platz in Berlin. Keine Ahnung, ob es der Rosenthaler, Potsdamer oder Boxhagener war. Berlin vor neunzig Jahren. Elektrizität macht die Nacht zum Tag, der technische Fortschritt den Menschen Angst. Die Stadt wird zur Stadt, wie wir sie kennen. Sie wird zur leuchtenden, laut rasenden, einengenden Übermacht. Heute lässt uns Berlins Dynamik kalt. Kein Fahrradfahrer auf dem Platz vor mir lässt sich von den Autos rechts und links oder der vorbeischnellenden Straßenbahn irritieren. Dennoch haben wir Stress. Aber der kommt nicht von außen, sondern aus unseren Kalendern, Mobiltelefonen und Idealbildern vom mobil-flexiblen Supermenschen.

Dieser Gedanke kommt mir intellektuell genug vor, dass ich ihn gern jemandem mitteilen möchte. Ich klappe meinen Laptop auf und, endlich, fühle ich mich zugehörig in diesem Café von Tippmaschinen. Bevor ich dazu komme, meine Gedanken der Onlinewelt mitzuteilen, vibriert es neben meiner Kaffeetasse. Endlich, ich bin für heute Abend verabredet. Zufrieden trage ich das in meinen Kalender ein. Auch die nächsten Tage sind bereits vollgekritzelt.

Schön. So.

„So“, sagt in diesem Moment auch mein Gegenüber. Ich schrecke aus meiner Gedankenblase auf und blicke ihn fragend an. Er ebenso mich. Er hat mit seinem Laptop gesprochen. Uns beiden ist die Situation peinlich. Ich starre schnell wieder auf meinen Bildschirm.

Später sitze ich im Kino. Eigentlich habe ich keine Lust. Der Film interessiert mich nur so mittelmäßig, aber er soll gut sein, habe ich gehört. In den drei oder vier Rezensionen, die ich gelesen, naja, eher überflogen habe, stand, dass – ach, das weiß ich nicht mehr so genau, jedenfalls sollte man sich den auf keinen Fall entgehen lassen. Dennoch atme ich auf, als der Abspann läuft. Wir verlassen das Kino und draußen empfängt uns laue Sommerluft. Beim Kiosk gegenüber holen wir uns ein Bier. Vor dem Kiosk steht eine Bank. Eigentlich dürfen wir hier gar nicht sitzen. Wir sind jung und in Berlin, es ist warm und Nacht. Wir sollten uns in den Exzess stürzen, durch Clubs wanken, Chemikalien zu uns nehmen und ein paar Stunden später auf der Oberbaumbrücke nach Hause torkeln mit glücksparalysierten Augen. Wir sollten wenig schlafen, viel erleben, noch mehr uns vergessen, wenig denken, Jugend zelebrieren.

Mir ist gar nicht nach Feiern zumute und ich werde ein bisschen traurig. Ich will doch schließlich ganz viel mitnehmen aus meinem Leben, meinem Großstadtleben. Darum geht es hier doch: mitnehmen. Mit Windstärke Neun stürmen wir durch unseren Alltag, reißen so viele Events, Happenings und Must-Dos wie möglich mit, hecheln wie hungrige Hunde von Erlebnis zu Erlebnis. Und machen uns gleichzeitig über japanische Touristen lustig, die vor dem Brandenburger Tor brav ihrem Reiseführer hinterherdackeln. Dabei sind sie eine komprimierte Karikatur unserer selbst; unser Reiseführer ist ein im Gehirn implantierter, erlebnisgeiler Peitschenschwinger, den wir uns irgendwann mal selbst dort eingepflanzt haben. Mit Freude denken wir uns die Geschichte unseres Lebens aus und spielen sie nach, etwas gelangweilt, aber in ungeduldiger Erwartung, sie später weiter zu erzählen. Kaum ist das Foto gemacht und hochgeladen, ist das Ego befriedigt und es kann weitergehen. Im Nachhinein wird dann erlebt. Es geht um Menge anstelle von Momenten.

Mein Bier ist jetzt fast leer. Wir sitzen immer noch am gleichen Ort. Inmitten von Mücken und Straßenlärm und Gesprächsfetzen. Unser Gespräch ist in den letzten Minuten verebbt. Die Menschenmenge vor dem Kiosk zieht gerade weiter. Von der Kreuzung klirrt das Klingeln der Straßenbahn. Auf der Suche nach etwas, worüber es sich zu reden oder nachzudenken lohnt, betrachte ich die Szenerie vor mir. Ich klinke mich gern aus. Ich stelle mir vor, alles sei ein Film und ich der Kinobesucher im dunkelroten Samtsitz. Am Ende der Straße links von uns liegt ein kleiner Park. Seine Äste wiegen sich im leichten Wind. Zwei Menschen sitzen auf einer karg beleuchteten Bank. Ich konzentriere mich und erkenne, dass es ein altes Paar ist. Ihre Hand ruht auf seiner, ihre Blicke gehen nach geradeaus. Sie sehen so aus, als würden sie gerade einen Film sehen.