Der Holzmarkt – Ein neues Konzept für urbanes Leben

Text: Susann Hochstein | Fotos: Gözde Böcü

Zumindest ein Teil des Berliner Spreeufers konnte vor den Schreckgespenstern Ausverkauf, Zubetonierung, Ignoranz, Bau-Monotonie, Gentrifizierung und Kulturkahlschlag gerettet werden. Seit letztem Oktober wird in der Holzmarktstraße an der Umsetzung eines nachhaltig strukturierten Stadtkonzepts gearbeitet. Ein genossenschaftlich organisiertes Quartier soll in den nächsten Jahren dort wachsen, gedeihen und den einmaligen Charakter dieser Stadt bewahren. Ein Projekt, das neue Formen von Urbanität im Sinne des Peer-to-Peer-Urbanismus aufzeigt, und Mut zur Veränderung beweist.

Spreeufer für alle!

 

Rückblick: Was bisher geschah

Initiiert wurde das Holzmarkt-Projekt von den Betreibern der ehemaligen Bar25, die 2011 den KaterHolzig ins Leben riefen und bisher für endlose Partys, bunte Kostümierungen und dichten Konfettiregen bekannt waren. Doch langsam wird klar, sie können bei weitem mehr. Überzeugen, Aktivieren und Visionen verwirklichen sind drei weitere Kernkompetenzen.

Sie gründeten im April 2012 zusammen mit anderen Visionären die Holzmarkt plus eG und überzeugten zunächst die Stiftung Abendrot, eine nachhaltig engagierte Schweizer Pensionskasse, von ihrer Idee und einer gemeinnützigen Partnerschaft. Die Stiftung, die  eine Anlagepolitik auf der Basis von Gesundheit, Umwelt und Gerechtigkeit verfolgt, stellte die finanziellen Mittel zur Verfügung. Die Holzmarkt plus eG entwickelte das inhaltliche Konzept und den wirtschaftlichen Ansatz. Ergebnis: Gemeinsam erhielten sie beim Bieterwettstreit um das begehrte Grundstück im vergangenen Oktober den Zuschlag.  Die Schweizer übertrugen das Erbbaurecht an die Berliner und die größte Hürde war überwunden.

Holzmarkt: Platz zum Verweilen

 

Bis zum symbolischen Spatenstich am 1. Mai wurden zahlreiche fleißige Helfer für Verschönerungsarbeiten auf dem Gelände aktiviert. Insbesondere der Mörchenpark e.V. lädt seitdem zum gemeinsamen Gestalten und Bewirtschaften des Uferwegs ein – jeder kann dort mitmachen! Der gemeinnützige Verein zählt bereits viele hundert engagierte Mitglieder, die ihre Forderungen aus dem Bürgerentscheid von 2008 – „Spreeufer für Alle“ – nun mit eigener Hand verwirklichen. Eine große Grünfläche soll entstehen, die Platz für kollektives Gärtnern bietet. Neben bunten Blumenbeeten ist außerdem Urban Farming,  der ökologische Anbau von Obst und Gemüse in mitten der Stadt, geplant. Und natürlich wird man dort auch Mörchen ernten können!

Blick nach vorn: Wie geht es weiter

Die Umsetzung des gesamten Konzepts, mit Kunst- und Kulturräumen, urbanem Dorf, Hotel, Technologie- und Gründungszentrum, Park, Kidzclub, Restaurant und Club, wird einige Jahre dauern. Zehn Jahre werden für die sukzessiv wachsende Bebauung veranschlagt. Wie schnell es innerhalb der einzelnen Teilprojekte voran geht, hängt auch davon ab, wie viele Mitglieder sich dem Projekt Holzmarkt noch anschließen. Bisher haben ca. 85 Genossen in einen Anteilsschein bei der Genossenschaft für urbane Kreativität (GuK eG) investiert. Die GuK eG ist neben der Holzmarkt plus eG und dem Mörchenpark e.V. ein weiteres Glied im Genossenschaftsverbund Holzmarkt. Sie ist für das eingelegte Kapital der Investoren verantwortlich und sichert dessen Verfügbarkeit. Außerdem unterstützt die GuK eG die gestalterische und wirtschaftliche Projektplanung.

Mörchenpark am Berliner Spreeufer

 

Mit dem bisher gewonnen Kapital konnte Phase Null der Bebauung in diesem Sommer starten.  Auch wenn es nur in kleinen Schritten voran geht, ist Mario Husten, Vorstand der Holzmarkt plus eG und GuK eG, optimistisch: „Eine der größten Stärken ist unsere Herangehensweise, Hürden zu überwinden. Gerade im Umgang mit Behörden geht es uns darum, zunächst das gegenseitige öffentliche Interesse zu definieren, ein klares Konzept bzw. Angebot auf den Tisch zu legen und einander zuzuhören. Oft liegt dann eine einfache Lösung auf der Hand trotz des komplexen Paragraphengestrüpps.“

Auf dem Gelände finden Besucher seit Mitte August eine provisorische Bar, ein Volleyballfeld, Liegestühle und Hängematten vor. Von dem kürzlich errichteten Lehmberg hat man einen guten Blick aufs Wasser und kann Kindern beim Spielen zugucken. Im Hintergrund läuft Musik. Große Sonnenblumen lachen jedem Besucher schon von Weitem entgegen. Es herrscht eine friedliche Atmosphäre.

Holzmarkt: Vorreiter im Peer-to-Peer-Urbanismus

Peer-to-Peer-Urbanismus ist eine Bewegung, die nach Michel Bauwens auf folgenden Prinzipien basiert:

Menschen haben das Recht bei der Gestaltung ihres Lebens- und Arbeitsraums mitzubestimmen. Sie sollen sich und ihre Interessen in diesen Prozess aktiv einbringen können. Das ist nur möglich ist, wenn das formale Planungssystem umgangen wird und Nutzer zusammen mit Akteuren auf Augenhöhe agieren. Es gibt keine festen, allein von Architekten bestimmten Entwurfsregeln. Das Design einer Stadt ist offen für Modifikation und Anpassung, es berücksichtigt dabei individuelle Bedürfnisse der Bewohner sowie regionale Bedingungen. Die gemeinsame Gestaltung urbaner Strukturen ermöglicht einen dauerhaften Erfahrungsaustausch. Das Wissen aller Beteiligten fließt in diesen Prozess ein, wird gebündelt und steht der Gemeinschaft zur freien Verfügung.

Projekt mit Zukunft

 

Bei der Gegenüberstellung dieser Prinzipien mit den Ansätzen des Holzmarkt-Projekts finden sich folgende Parallelen:

Der Holzmarkt stellt öffentlichen Freiraum zur Verfügung, er bietet allen Bürgern einen Mehrwert, indem das Spreeufer frei zugänglich bleibt. Dafür stimmte die Mehrheit der Bürger 2008. Innerhalb der Holzmarktgenossenschaft hat jedes Mitglied das Recht sich mit Ideen und Vorschlägen an der Gestaltung zu beteiligen. Der Holzmarkt baut kostengünstig mit nachhaltigen Materialien und einer entsprechenden Bauweise. Dadurch stellt er bezahlbaren Raum für eine vielseitig angelegte, kreative Nutzung sicher. Die Realisierung erfolgt in Phasen und begünstigt dadurch den kreativen Wandel. Diesem Wandel unterliegt das gesamte Areal. Ein baulicher Endzustand wird nicht angestrebt. Zudem sollen bereits realisierte Projekte die Finanzierung zukünftiger Ideen auf dem Gelände mitfinanzieren. Die gute Vernetzung zwischen Quartier und Stadtraum fördert die Kommunikation und den Austausch von Wissen. Somit freigesetzte Synergien kommen der gesamten Stadt, aber auch Menschen darüber hinaus zugute. Unternehmerisches Handeln ist auf den Mehrwert für die Stadt und ihre Bürger ausgerichtet und nicht auf das singuläre Interesse von Großkonzernen.

Holzmarkt: Öffentlicher Freiraum

 

Bauwens sieht in Projekten mit dieser Herangehensweise ein großes Potenzial für die Rückgewinnung gemeinschaftlichen öffentlichen Raumes in städtischer Umgebung. Projekte, wie der Holzmarkt, definieren nach seiner Ansicht explizit einen gemeinschaftlichen Besitz von städtischem Raum und orientieren sich bei der Gestaltung an Qualität und Nachhaltigkeit.

Das Projekt Holzmarkt gehört in diesem Sinn zu der noch sehr kleinen Gruppe von Vorreitern im Peer-to-Peer-Urbanismus. Zu wünschen bleibt, dass diese kleine Gruppe Zuwachs bekommt, dass noch viele ähnliche Projekte auch in anderen Städten entstehen und noch mehr Visionäre ähnlichen Mut beweisen, wie die Macher, Unterstützer und Befürworter des Holzmarkts.

Hätte es die Initiative Holzmarkt nicht gegeben, würde uns am Spreeufer bald das zentral geplante Gruselkabinett Mediaspree den Blick auf das schöne Ufergelände versperren. Eine große Fläche öffentlichen Raumes wäre für die Mehrheit unzugänglich. Darauf, dass es in Berlin glücklicherweise noch Menschen gibt, die das zu verhindern wissen, sollten wir stolz sein.

 

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