Die Redaktion küsst

von Gözde Böcü

Unsere Wahrnehmung vom Küssen, aber auch von der romantischen Liebe wird insbesondere in den Jahren der Pubertät und vielleicht sogar bis heute durch die Welt von Walt Disney und Hollywood geprägt. Dabei wird der erste Kuss in diesen Filmen glorifiziert und gilt als der wichtigste Moment zweier Menschen, die sich lieben: Schneewittchen, die nach einem Biss in einen giftigen Apfel in einen tiefen Schlaf gefallen ist, steht durch den Kuss des Prinzen wieder auf, während der Froschkönig eines anderen Märchens durch den Kuss der geliebten Prinzessin wieder zum echten Menschen wird.

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Dieses Küssen musste also echt magisch und besonders sein, dachte ich mir damals als ich mit meinem ersten Freund zusammenkam. Wir hatten eine Weile gedatet und nun wurde es Zeit für den ersten Kuss, dachte ich. Bis es aber tatsächlich zu diesem ersten Kuss kommen sollte, musste noch einige Zeit vergehen, denn auch mein Gegenüber, also mein damaliger Freund, wollte dass unser erster Kuss etwas ganz Besonderes wird. Wir trafen uns also am Wahrzeichen unserer Stadt, dem Fernsehturm, es war Sommer, sodass man ganz gemütlich auf den Bänken drumherum sitzen konnte. Eigentlich perfekt! Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, wie es dann zum Kuss kam, aber irgendwann küssten wir uns. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, ist meine Reaktion und dieser Satz, für den ich mich bis heute schäme: „Das war’s?!”

Eindeutig hatte ich mir was anderes unter diesem „ersten Kuss“ vorgestellt. Ich habe dann natürlich anhand der Reaktion meines damaligen Freundes sofort erkannt, dass meine Reaktion unpassend war und versucht einzulenken. Nein, nein, keine Sorge, er hat mich dann nicht dort sitzen lassen. Nach diesem eigenartigen ersten Kuss hatten wir noch viele schöne weitere Küsse, die nicht an meiner überhobenen Erwartungshaltung scheiterten.

Die Quintessenz meiner ersten Kusserfahrung lautet aber: Erwartungen senken!

Wir sollten aufhören unsere Erwartungen aufgrund verzerrter Wahrnehmungen zu erhöhen und uns damit unglücklich zu machen. Nicht alles, was uns in Filmen vermittelt wird, entspricht der Wahrheit. Weder Filme noch Werbung, noch alles andere, was vermarktet wird, spiegelt die Wirklichkeit wider. Natürlich bestätigt die Ausnahme die Regel, aber dennoch lässt sich für die Mehrheit dieser Art von vermittelten Bildern sagen, dass sie nicht realitätsgetreu sind. Erwartet nicht so viel und merkt euch: Wir sind keine Märchenfiguren!