13. Berliner jugendFORUM – Feuerprobe der neuen polli-Redaktion

von Susann Hochstein

Am 30.11.2013, einem nasskalten Samstagmorgen, traf ich mich zusammen mit weiteren polli-Redakteuren im Berliner Abgeordnetenhaus. Die anfangs noch träge Stimmung während der Lagebesprechung wurde nach dem ersten Kaffee deutlich besser. Stimmungsaufhellend wirkte auch der Anblick eines schwarzen BHs auf den roten Treppenstufen der Empfangshalle. Carmen, eine unserer Foto-Redakteurinnen, zückte sofort die Kamera. Lena rief begeistert „Jetzt geht es den Politikern an die Wäsche!“. Von wegen träge! Spätestens jetzt war die Müdigkeit überwunden und wir zogen in kleinen Teams, ausgestattet mit Kameras, Aufnahmegeräten und wachen Augen für spannende Berichte, los.

BH auf den Treppenstufen des Berliner Abgeordnetenhauses. Foto: Carmen Talavera
BH auf den Treppenstufen des Berliner Abgeordnetenhauses. Foto: Carmen Talavera

Es war der erste große Auftritt, nachdem sich die polli-Redaktion neu formiert hatte. Das jugendFORUM erklärten wir somit zur Feuerprobe. Für mich war diese Veranstaltung mit noch weiteren Premieren verbunden: Zum ersten Mal überhaupt nahm ich am Berliner jugendFORUM teil, konnte einen Blick in den Plenarsaal und die Konferenzräume des Abgeordnetenhauses werfen, wurde damit vertraut, Interviews zu führen und musste die schmerzliche Erfahrung machen, dass auf moderne Technik nicht immer Verlass ist.

Die erste Hürde, die wir als Redaktion meistern mussten, waren zwei geplante Intervietermine im Anschluss an das Auftakt-Plenum. Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses und Sandra Scheeres, Senatorin für Jugend, Bildung und Wirtschaft hatten sich angekündigt. Lena und ich diskutierten vorm Eintreffen der Interviewpartner noch einmal über die Fragen, die wir stellen würden, Chadi, unser Chefredakteur, gab einen letzten Crashkurs zur Bedienung der Aufnahmegeräte, Maria und Carmen überprüften die Lichtverhältnisse für messerscharfe Fotos. Auch hier arbeiteten wir in Teams, die sich jeweils aus einem Interviewer, Fotografen und Techniker zusammensetzten. Mein Team widmete sich Frau Scheeres. Simon stellte die Fragen, ich bediente die Technik und Carmen fing alles mit ihrer Kamera ein. Das Ergebnis konnte sich sehen oder besser gesagt, hören lassen. Simons Aufregung und Bedenken, er würde sich versprechen, stellten sich als völlig unbegründet heraus. Er glänzte mit Souveränität und Charme. Das erste Interview war im Kasten – Jubel!

Perfektes Dreierteam: Interviewerin, Technikerin und Fotografin hinter der Kamera. Foto: Maria de Cid
Perfektes Dreierteam: Interviewerin, Technikerin und hinter der Kamera die Fotografin. Foto: Maria del Cid

Nach diesem Erfolg schwärmten wir erneut aus, lauschten Diskussionsrunden oder beteiligten uns an Workshops. Mich interessierte das Gespräch zum Thema „Wohn(t)räume“. Es ging um die prekäre Wohnraum-Situation junger Menschen in Berlin. Es beteiligten sich Jugendliche und Vertreter aus Wohnungsbaugesellschaften, Sozialarbeit und Politik. Darüber, dass Wohnrecht ein Menschrecht ist und unabhängig von sozialen Umständen jedem zur Verfügung stehen sollte, waren sich alle Beteiligten sehr schnell einig. Dass die Umsetzung dieser Forderung mit mehr Zeit, weiteren konstruktiven Gesprächen sowie einer Portion Mut für neue Denkansätze verbunden ist, wurde ebenso schnell deutlich. Frau Radziwill (SPD-Fraktion) lud im Anschluss alle Interessierten zur Fortsetzung der Diskussion ein. Die Mehrheit wird der Einladung folgen.

Zwei Diskussionsteilnehmerinnen, Kristin und Ikra, hatten es mir besonders angetan. Kristin ist Sozialarbeiterin bei der Freien Hife Berlin e.V. und betreut aus der Haft entlassene Jugendliche. Sie hat täglich Wohnwut im Bauch, da es für vorbestrafte Jugendliche an ein Wunder grenzt eigenen Wohnraum zu beziehen. Sie muss die Jugendlichen nach der ersten Betreuungszeit oft in die Obdachlosigkeit entlassen, was den Wiedereinstieg in ein geordnetes Leben zusätzlich erschwert. Die Gefahr erneut abzustürzen ist groß.

Ikra, Schülerin, wollte frühzeitig von Zuhause weg, da es Probleme mit den Eltern gab. Die Jugendhilfe unterstützte sie zunächst und stellte ihr eine kleine Wohnung zur Verfügung. Diese Hilfe galt aber nur bis zur Volljährigkeit. Danach war sie auf sich gestellt. Trotzdem sie frühzeitig auf Wohnungssuche ging, blieb sie als Schülerin ohne Einkommen erfolglos. Ihrer Freunde sei Dank, dass sie nicht auf der Straße gelandet ist. Mit Hilfe eines Übernachtungsplans setzen sie sich dafür ein, dass Ikra in dieser Zeit immer irgendwo einen Schlafplatz hatte. Jetzt macht sie ihr Abitur und wohnt mit ihrem Freund zusammen.

IMG_2083

Mit beiden Frauen führte ich ein Interview. Für mich eine der vielen Premieren an diesem Tag. Ich fragte sie, warum sie Wohnwut haben, ob sie sich nach dem Vierseitengespräch etwas mehr verstanden fühlen und was sie sich zukünftig von der Politik zur Wohnproblematik in Berlin erhoffen. Die beiden Interviews sollten mir zwei spannende Audiobeiträge bescheren. Leider ließ mich die Technik gnadenlos im Stich. Als ich die Speicherkarte am PC durchsuchte, fand ich nur winzige, unbrauchbare Gesprächsschnipsel, zurückzuführen auf einen Wackelkontakt des Aufnahmegeräts. Meinem Kollegen Simon ist mit selbem Aufnahmegerät gleiches Schicksal widerfahren. Die Enttäuschung war groß. Ändern ließ sich an der Situation leider nichts mehr. Gegen 17 Uhr hatten die meisten Teilnehmer des jugendFORUMS das Abgeordnetenhaus verlassen. Keine Chance die Interviews zu wiederholen. Jetzt konnte ich nur noch Schadensbegrenzung betreiben und musste versuchen, mich an die wichtigen Details zu erinnern, damit wenigstens ein Printbeitrag zu Stande kommt. Ich habe mich also von dem Gedanken, meine ersten Interviews zu veröffentlichen, verabschiedet und umdisponiert. Flexibilität soll ja auch eine Kernkompetenz journalistischen Arbeitens sein. Dass ich diese besitze, konnte ich nun beweisen. Tschüss Audiobeitrag – Hallo Leid(!)artikel!

Abgesehen von der Panne, die Simon und ich erlebten, war der Tag für die polli-Redaktion ein Erfolg. Die entstandenen Beiträge, die an dieser Stelle in den nächsten Tagen erscheinen werden, zeigen eindeutig: Feuerprobe mit Bravour bestanden!