Neues aus der U-Bahn… Der Apfel

von Gözde Böcü

Berlin ist bekanntlich die Stadt der Verrückten, so ist auch die U-Bahn als Spiegel der Stadt voller Verrückter, die von A nach B möchten. Diese Eigenschaft kommt insbesondere nachts zum Vorschein, wenn auch der letzte Partybanause aus seinem Loch herausgekrochen kommt, um sich dem Berliner Vergnügen hinzugeben. So vermischen sich die Menschen, Gerüche, Gespräche und Farben in der Berliner U-Bahn.

So witzig und bunt wie die Erlebnisse in der U-Bahn sind, so bitter und grau können sie manchmal sein: Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich begegne in letzter Zeit immer häufiger Menschen in der U-Bahn, die betteln, denen es seelisch und wirtschaftlich nicht gut geht. Und egal wie oft ich diesen Menschen begegne, ich scheine mich nicht an sie gewöhnen zu können, denn bei jedem dieser Menschen muss ich über ihre Geschichte nachdenken, mir ausmalen warum sie in der Lage sind, in der sie sich befinden. Meistens passiert das in Begleitung eines mulmigen Gefühls, das mich nicht loslässt, bis ich Kontakt zu dieser Person aufgebaut habe. Ich mache das natürlich nicht immer, aber manchmal habe ich das tiefe Bedürfnis etwas zu machen, frage dann, wie es der Person geht oder reiche ihr etwas zu essen oder zu trinken. Ich verschenke grundsätzlich nur Essen und Trinken, weil ich mir denke, dass das die effektivere Methode ist. Meistens wird das geschätzt und die Person freut sich über die Gabe.

Letztens in der U-Bahn als ich wieder meinem typischen Muster nachging, wurde ich aber zum ersten Mal enttäuscht und zweifle seitdem an meinem Vorgehen. Wieder ein mal lief ein Mann durch den Wagon und nur einige Fahrgäste schienen ihn überhaupt wahrgenommen zu haben. Er war ein unauffälliger alter Opi, der elegant in einem Sakko, was den Anschein hatte, über die Jahre deutlich gelitten zu haben, durch den Wagon lief. Ich hatte noch einen Apfel in meiner Tasche und reichte ihm diesen als er sich zu mir wandte. Seine Reaktion hätte keiner abschätzen können, zunächst nahm er den Apfel, doch plötzlich warf er ihn gegen die Scheibe der U-Bahn und motzte mich in unverständlichen Sätzen an. Nicht genug, fing er an gegen die Fensterscheiben zu schlagen bis auch der letzte Fahrgast vor lauter Schreck auf die andere Seite des Wagons gelaufen war. Schließlich verließ er bei der nächsten Station den Wagon.

Ich konnte es nicht glauben. Die Menschen in der U-Bahn schauten genauso ungläubig wie ich. „Mädel, lass das lieber!“, rief mir eine Frau zu. Diese bittere Situation geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Trotzdem glaube ich, dass ich auch in Zukunft in meine Tasche greifen werde. Lieber ertrage ich dieses Ausrasten, als dass ich diese Menschen ignoriere. Denn ich glaube, das nichts mehr weh tut als ignoriert zu werden.