„Widerstand kommt aus Empörung“

von Giada Armante

Diese Sentenz, „Widerstand kommt aus Empörung“, schreibt Stéphane Hessel mit dreiundneunzig Jahren in seiner Streitschrift „Empört euch!“ Als Veteran der Résistance, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald und ehemaliger französischer Diplomat schildert er die Erfahrungen, aus welchen sein politisches Engagement erwachsen ist. Er appelliert an die jungen Menschen von heute, sich nicht alles gefallen zu lassen. Aktiv, stark und engagiert mögen sie sich für sich selbst und die Welt einsetzen. Die zwei großen neuen Menschheitsaufgaben, die Bekämpfung der Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Bewahrung der Menschenrechte und der Umweltschutz unseres Planeten, seien für jedermann erkennbar. Friedlich sollen sie die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft, wie die internationale Diktatur der Finanzmärkte oder die Unterdrückung von Minderheiten bekämpfen.

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Empört euch!

 

Empörung ist das Grundmotiv, aus welchem Widerstand resultiert. Was bedeutet Empörung? Empörung ist eine von starken Emotionen begleitete Entrüstung als Reaktion auf Verstöße gegen moralische Konventionen. Aufstand, Rebellion, Meuterei. Soweit die Bedeutung des Wortes „Empörung“im Duden. Sie ist folglich stark mit Idealen verbunden, überdies mit Grundsätzen und Werten. Ihr ist das Vermögen zur Erkenntnis vorausgesetzt. Empörung erfordert kritisches Denken, ein Interesse am Allgemeinwohl und den Willen zum gemeinschaftlichen Zusammenhalt.

Empörung hat seit Anbeginn unserer Zeit und in verschiedensten Teilen der Welt Widerstand ausgelöst. Zu verzeichnen ist beispielsweise der Sklavenaufstand im Römischen Reich des Jahres 73 v. Chr. unter der Führung des Thraker Spartacus. Sklaven begehrten für eine Verbesserung ihrer Verhältnisse auf. Oder die Französische Revolution. Mit dem Leitsatz „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde gegen den feudalabsolutistischen Ständestaat und für die Ideen und Werte der Aufklärung gekämpft. Oder die 68er Bewegung. Tausende Studenten gingen auf die Straße, um gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die Nichtaufbereitung des Nationalsozialismus und die strenge Sexmoral zu protestieren.

Menschen, die sich empörten. Sie alle verbindet die mit der Empörung zusammenhängenden Eigenschaften und das Bestreben, etwas zu verändern. „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“ Nach Hessels Grundsatz handeln heute viele Menschen anderer Länder. Die aktuellsten Proteste in Brasilien und der Türkei dienen als Vorbild des Engagements. Gebiete Nordafrikas und des Nahen Ostens erleben den Arabischen Frühling. Dieser begann im Dezember 2010 in Tunesien und breitete sich daraufhin in Ägypten, Libyen, Syrien, Marokko und Jordanien aus. In Südeuropa, Spanien forderten junge Menschen bei einer Großdemonstration auf der Puerta del Sol am 15. Mai 2011 Arbeit und soziale Gerechtigkeit.

Auf einen friedlichen Widerstand sollte zu keiner Zeit verzichtet werden. Dieser ist von größter Bedeutung für die Menschheit. Trotzdem die Folgen einer Massenbewegung niemals gänzlich abzusehen sind, öffnen sie neue Möglichkeiten für den Verlauf der Geschichte.

Selbst wenn es nicht zu einem Widerstand kommt, zeigt die vorhandene Empörung gegenüber Missständen das Potenzial zu einem solchen auf. Sie demonstriert das Existentsein von Urteilsvermögen und die Positionierung zu einem bestimmten Sachverhalt. Sie bekundet politisches Bewusstsein.

Was aber, wenn das Individuum die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement verliert? Menschen anderer Länder erleben ihre Blüte der Empörung, während ein Normalbürger der Bundesrepublik weniger zu dieser Empfindung geneigt zu sein scheint. Ausgenommen der Intellektuellen und der sich Engagierenden unserer Gesellschaft sind vor allem junge Menschen wenig dazu angehalten, im Sinne des Allgemeininteresses zu denken und zu handeln.

Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland, einem freiheitlich-demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Gemäß des Index für menschliche Entwicklung zählen wir zu den hochentwickelten Ländern. Mit rund 80 Millionen Einwohnern sind wir das bevölkerungsreichste Land Europas.

Wir haben hohen politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf internationaler Ebene. Wir genießen einen Wohlstand, der nicht vielen Menschen auf der Welt beschert ist. Einleuchtend ist, dass nicht mehr um existentielle Rechte gekämpft werden muss. Das Empören fällt demnach etlichen Menschen schwer.

Wir alle leben auf Kosten anderer. Somit tragen wir alle eine gewisse Verantwortung. Sie fängt bereits bei scheinbar kleinen und alltäglichen Gegebenheiten, wie dem Kauf von Lebensmitteln oder Kleidung an.

Von Zeit zu Zeit werden Debatten geführt über die relative Armut unserer Gesellschaft. Jedoch ist diese im Vergleich zur Armut der übrigen Welt geringfügig. Grundsätzlich scheint der Großteil der Menschen der Bundesrepublik Deutschland zufrieden zu sein. Und wenn nicht, wird er zufrieden gestellt. Abgespeist mit Geld. Im Gegensatz werden die Reichen immer reicher, immer mächtiger, während sie sich ihrer Verantwortung für die anderen, auf dessen Kosten sie leben, mehr und mehr entziehen. Doch nicht nur sie verweigern sich ihrer Verantwortung.

Ein jeder, welcher auf Kosten anderer lebt, das heißt vom Wohlstand unseres Landes profitiert, trägt Verantwortung für diese. Je mehr auf Kosten anderer gelebt wird, desto höher die zu tragende Verantwortung. Denn gleichermaßen steigt die Möglichkeit, etwas Positives für die anderen, die schlechter Gestellten, zu bewirken.

Aus welchem Grund verschließt sich ein großer Teil der Menschen dieser Verantwortung?

Stärker sind wir von der Macht des Geldes abhängig als jemals zuvor. Es ist ein bestimmtes Gefühl, welches sich ausbreitet und wofür sich viele Menschen als empfänglich erweisen. Es ist die sogenannte Wohlstandsangst, die Angst den Lebensstandard zu verlieren, welcher uns gegeben ist. In gleicher Weise ist die Wohlstandsangst schuldtragend für die fehlende Empörung. Denn Wohlstand in zu hohem Maße lässt Empörung gar nicht erst aufkommen. Aus Wohlstand resultieren unterschiedlichste egoistische Motive, also solche, die dem Individualinteresse entspringen und welche dem Menschen die Neigung zu solch einer Fähigkeit nehmen.

Zuallererst traut sich niemand mehr, sich wahrhaft zu empören. Wohlstand erzeugt Geborgenheit, die keinesfalls aufgeben werden möchte. Der Einsatz für die schlechter Gestellten bedeutet zugleich das Infragestellen der eigenen Lebensverhältnisse. Niemand gesteht sich gerne ein, dass es ihm gut geht, weil es anderen schlecht geht. Niemand gesteht sich gerne ein, dass sich die eigenen Lebensverhältnisse ändern müssten, damit es andere besser haben.

Zudem gehen durch Wohlstand Ideale verloren. Im anderen Fall werden sie überschattet. Grundsätze und Werte werden durch Wohlstand bestimmt. Als Beispiel ist auf viele ehemalig linksorientierte Menschen zu verweisen, welche im Zuge der Erfahrung, wie bequem es doch ist Geld zu verdienen, ihr politisches Bewusstsein verloren. „»Ohne mich« ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann“ schreibt Hessel. Die Bequemlichkeit oder Ignoranz, welche aus Gleichgültigkeit herrühren, sind die übelsten Motive mangelnder Empörung. Diese bewirken, nicht hinterfragen zu wollen und sind deshalb am hartnäckigsten zu bekämpfen. Ein weiterer Anlass ist die allgegenwärtig zu spürende Orientierungslosigkeit vieler Menschen. Die Gründe, sich zu empören, erscheinen nicht offensichtlich. Die Systeme der Welt sind zu komplex, um alle Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind, unterscheiden zu können. Und dennoch: Der Glaube, nichts ändern zu können oder zu müssen zeugt von purer Naivität. Alles, was wir tun ist politisch und hat somit Auswirkungen auf das Geflecht an Systemen, in das wir verwickelt sind und damit Konsequenzen für das Leben anderer Menschen.

Wir haben genug Gründe zur Empörung. Und diese nicht nur, da gewisse Umstände letztlich auch jeden Einzelnen von uns treffen, sondern weil wir die Pflicht haben, uns im Sinne des Allgemeininteresses zu engagieren und somit positiv voranzutreiben.

Derzeit empört mich beispielsweise das zunehmende Misstrauen gegenüber Zuwanderern. Anstatt solche Menschen zu fördern, ihnen eine Chance in Bereichen wie Bildung und Ausbildung in unserer Gesellschaft zu geben, werden sie in die Illegalität gedrängt. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie stark wir auf gut ausgebildete Migranten angewiesen sind, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken. Auch wird in mir Empörung ausgelöst, wenn ich über den seit langer Zeit praktizierten Waffenexport der Bundesrepublik nachdenke. Es ist erschreckend, dass in verschiedensten Teilen der Welt, oftmals Kriegsgebieten, Menschen mit Waffen abgeschlachtet werden, auf denen „Made in Germany“ steht. Die Möglichkeiten der Empörung sind unendlich.

Ein letztes Zitat Hessels enthält einen Aufruf zur Empörung sowie ein Anliegen, welches ich mit ihm Teile. „Ich wünsche allen, jedem Einzelnen […] einen Grund zur Empörung.“

1Die zwei

COMMENTS

  • Schöner Artikel, auch wenn die Empörung nicht wirklich rüber kommt. Aber ich will doch einmal die Armut aufgreifen. Armut gibt es tatsächlich überall, aber das sollte uns nicht davon ablenken, auch über die Armut im eigenen Land zu diskutieren. Ein Vergleich mit anderen Ländern wird weder den Menschen im anderen Land gerecht, noch den eigenen, denn die Probleme sind unterschiedliche.

    Die Armut weltweit bekämpfen zu wollen, bedeutet auch, die Armut im eigenen Land zu bekämpfen. Für Deutschland bedeutet das, dass wir knapp 300.000 Obdachlose haben. Das sollte in einem reichen Land wie Deutschland nicht so sein. Hinzu kommen die vielen Arbeitslosen, die von einem Existenzminimum leben müssen, welches nicht einmal die soziale Teilhabe ermöglicht.

    Um die Armut weltweit zu bekämpfen, bedeutet auch, dass wir unser Wissen allen Menschen kostenfrei zur Verfügung stellen. Das ist mit unserem kapitalistischen System nicht vereinbar, ich weiß, aber die Menschenwürde ist es auch nicht. Du hast nämlich recht, wenn du schreibst, dass wir alle auf Kosten anderer leben. Ändern kann man das wohl nur, wenn man den Kapitalismus überwindet und es auch keine Nationalstaaten mehr gibt. Mensch ist Mensch, egal wo er geboren wurde, egal welche Hautfarbe er hat und von daher sollte es auch keine Nationalitäten und Grenzen mehr geben.

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