„Wir haben die Agrarindustrie satt!“

von Jana Stern

Angeführt von hunderten Bäuerinnen und Bauern und begleitet von strahlendem Sonnenschein zogen am 18. Januar 2014 über 30.000 Menschen vor das Kanzleramt in Berlin. Sie forderten einen Kurswechsel in der Agrarpolitik: Ökologische und bäuerliche Landwirtschaft statt Monokulturen und Massenindustrie!

Nahrung und die Bedingungen ihrer Erzeugung sind Themen, die die verschiedensten Menschengruppen vereinen, denn sie gehen uns alle an. Auch wenn es bequemer ist, die realen Bedingungen der Agrarindustrie zu verdrängen und das romantisierte Bild des netten Bauern von nebenan aufrecht zu erhalten, gibt es Menschen, die ihre Augen vor den Missständen nicht verschließen können und wollen. Und so demonstrierten Erzeuger und Konsumenten, Bauern, Vegetarier, Veganer, Natur- und Tierschutzbünde und sogar Kinder und Hunde gemeinsam für den gleichen Zweck.

Hund

Wir haben’s satt!“ Sie kritisierten vor allem Massentierhaltungsbetriebe, Gentechnik, Monokulturen, immer wieder aufkommende Lebensmittelskandale, Antibiotika-Missbrauch, Landnahme durch Staaten und Investoren und das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP). All diese Faktoren unserer Ernährung führen letztlich auf den steigenden Fleischkonsum zurück. Allein in Deutschland werden jährlich 58 Millionen Schweine, 630 Millionen Hühner und 3,2 Millionen Rinder geschlachtet (Quelle: Destatis/ Fleischatlas 2014). Und diese kaum mehr fassbaren Dimensionen an Fleischnachfrage haben ihren Preis: Schlachtanlagen werden immer gigantischer und die Fleischindustrie weltweit immer industrialisierter – mit all den unerwünschten Nebeneffekten wie Lebensmittelskandalen, Antibiotikamissbrauch oder Hormonrückständen im Fleisch.

Potsdamer Platz

Hinzu kommen die enormen Umweltbelastungen durch den expandierten Futtermittelanbau. Laut UN werden drei Viertel aller agrarischen Nutzflächen in irgendeiner Weise für die Tierfütterung beansprucht. Flächen, die effizienter für den Anbau von Nahrungsmitteln für den Menschen genutzt werden könnten. In der Folge werden Nahrungsmittel aufgrund knapper werdender Agrarflächen teurer, Böden werden durch Pestizide verseucht und wertvolle Regenwälder gehen verloren.

Schlachtungen Deutschland Fleischatlas Destatis
Quelle: FLEISCHATLAS 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, S.21.

 

Doch bevor hier das Klischee des militanten Veganers aufkommt, der den Rest der Welt umerziehen will: Niemand will irgendjemandem den Fleischkonsum an sich verbieten. Wenn Tiere auf Weiden artgerecht und in passender Zahl gehalten werden, kann das sogar vorteilhaft für Klima und Umwelt sein (Quelle: BUND). Aber mal ehrlich, wer will antibiotika- und hormonbelastetes Fleisch von Lebewesen essen, die wie gefühlslose Gegenstände behandelt und manipuliert werden?

Agrarkultur

Was kann muss sich also ändern, damit diese Industrie nicht weiter unterstützt wird? Der BUND gibt unter Anderem folgende Punkte zu bedenken (siehe Fleischatlas 2014):

  • Ernährung ist nicht nur Privatsache. Sie hat Auswirkungen auf das Leben der Menschen in allen Ländern.
  • Die Umwelt ließe sich durch einen geringeren Fleischkonsum und eine andere Art der Produktion leicht schützen.
  • Hoher Fleischkonsum führt zu einer industrialisierten Landwirtschaft. Einige wenige internationale Konzerne profitieren von ihr.
  • Intensive Fleischproduktion kann krank machen. Nicht nur durch den Gebrauch von Antibiotika und Hormonen, sondern auch durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Futterproduktion.
  • Urbane und bäuerliche Tierhaltung können Armut lindern und für eine gesunde Ernährung sorgen.
  • Alternativen gibt es: viele zertifizierte Produktionen des ökologischen Landbaus zeigen, wie eine andere Fleischproduktion aussehen könnte.

Kanzleramt Forderungen der Demonstranten

Und was kann ich als Konsument tun? Auch wenn es schwer fällt, Gewohnheiten zu ändern: jedes Essen, das nicht aus Massentierhaltung und Monokulturen stammt, zählt! Natürlich ist es unrealistisch, von einem Tag auf den anderen die komplette Ernährung umzustellen, aber je öfter regionale, faire und ökologische Produkte gekauft werden, desto stärker sinkt die Nachfrage nach Industrieerzeugnissen. Und so können wir uns Schritt für Schritt in Richtung nachhaltigen Konsum bewegen – One meal at a time.

 

 

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