Der unbekannte Nachbar

von Lotte Blumenberg

Wenn ich von meinem Auslandsemester in der polnischen Stadt Krakau erzähle, ernte ich meist überraschte Blicke oder gar ungläubiges Gelächter. Rede ich hingegen über die Gründe für meine Wahl, dann höre ich, wie interessant es doch sei und dass es mir sicher Pluspunkte für meinen Lebenslauf bringen würde. Seit meinem Aufenthalt in Krakau frage ich mich, warum Polen hierzulande so wenig Beachtung geschenkt wird.

Krakau collage 2 farbig © Lotte Blumenberg

Ein Auslandssemester oder -praktikum ist inzwischen in vielen Studiengängen eher die Regel als eine Ausnahme. Besonders das Erasmus-Programm erfreut sich dabei steigender Beliebtheit. Im akademischen Jahr 2011/2012 nahmen erstmals mehr als 250.000 Studierende am Programm teil, davon 33.363 aus Deutschland. Bei der Anzahl entsandter Studierender lag das Bundesland Berlin laut eines Berichts des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) 2011 an dritter Stelle. Unter den Berliner Unis belegte die Freie Universität mit 547 Erasmus-Studierenden den ersten Platz.

Die beliebtesten Zielländer für deutsche Studierende sind Spanien, Frankreich und Großbritannien. Indessen zählte 2011/12 kein einziges mittel- oder osteuropäisches Land zu den Top 10. Unter den rund 100 Plätzen, die das OSI für 2014/2015 anbietet, sind lediglich neun osteuropäische Städte vertreten. Und nur vier Bewerber_innen entschieden sich bei ihrer Erstwahl für einen dieser Plätze. Da stellt sich die Frage, warum es so wenige Partnerschaften mit osteuropäischen Universitäten gibt und weshalb die Nachfrage nach diesen Plätzen so gering ist.

Meine Entscheidung für ein Semester in Polen ergab sich aus mehreren Gründen: Zum Einen reizte es mich nicht besonders, nach Spanien zu gehen – dem zu sehr das Stigma des Erasmus-Partylandes anhaftet. Zum Anderen konnte ich mich nie wirklich für nördliche Gegenden wie Großbritannien oder Skandinavien erwärmen. Durch diese Ratlosigkeit öffnete sich mir letzten Endes eine völlig neue Perspektive. Eines Abends erzählten mir Freunde von ihrer Radtour entlang der Weichsel und dass sie in Krakau Station machten. Sie schwärmten von Polen und fragten, ob nicht auch ein osteuropäisches Land für mich interessant sein könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht darüber nachgedacht und war somit auch nicht sicher, welche Länder im Osten überhaupt zur Auswahl standen. So kam eines zum anderen und ich entschied mich für eine Bewerbung in Krakau und Warschau, wobei mein Hauptkriterium die Anzahl der interessanten Kurse auf Englisch war. Bis zu meiner Abreise im Februar 2013 war ich noch nie in Polen gewesen und wusste auch kaum etwas über unser Nachbarland. Die Länder östlich von Deutschland waren für mich ein unbekanntes Terrain – trotz Geschichtsunterricht und Politikstudium. Vorher belegte ich einen Sprachkurs, um bei meiner Ankunft zumindest ein paar Brocken Polnisch zu können, auch wenn meine Vorlesungen vollständig auf Englisch stattfand.

Krakau collage1_farbig ©Lotte Blumenberg

Ich ging also ohne Erwartungen in das Auslandssemester und ließ mich überraschen, und zwar in jeder Hinsicht positiv. Mit einer solch wunderschön alten und zugleich jungen, internationalen und lebendigen Stadt hatte ich nicht gerechnet. Rund 200.000 Studierende leben in Krakau, sie machen mehr als 25 Prozent der Bevölkerung aus. In den Straßen reihen sich die Bars, Clubs und Cafés aneinander – eines individueller als das andere. Sie locken mit unfassbar günstigen Preisen. Es wird polnischer Büffelgraswodka mit Apfelsaft und Zimt getrunken und Bier mit Strohhalm und Sirup in verschiedenen Geschmacksrichtungen serviert. Der Legende zufolge hat die Altstadt von Krakau die höchste Dichte an Bars weltweit. Nach einer Nacht in den Straßen dieser Stadt ist man geneigt, dies zu glauben. Auch kulinarisch ist Krakau ein Paradies: Für umgerechnet zehn Euro gibt es mehrere Gänge und noch einen Wein dazu. An jeder Ecke lauert eine köstliche Versuchung durch eine Vielzahl von Restaurants aus jeder kulinarischen Richtung. Dies gilt auch für die Imbisse, die Zapiekanka, ein langes überbackenes Baguette, verkaufen und die Cafés, die Szarlotka anbieten: ein polnischer Apfelkuchen, den man nie wieder vergessen wird.

Gleichzeitig ist Krakau ein Ort der Erinnerung. Es ist die Stadt, in der Oskar Schindlers weltberühmte Fabrik steht. Sie beherbergt heute eine Ausstellung über die Besatzung Krakaus durch die Nationalsozialisten. Auch im jüdischen Viertel Kazimierz sowie im ehemaligen Ghetto Podgórze gibt es viele Ausstellungen und Denkmäler. Das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau liegt 80 km von Krakau entfernt. In Polen sind die Spuren des Nationalsozialismus allgegenwärtig und so hatten Gedenkveranstaltungen und Museumsbesuche eine besonders starke Wirkung auf mich. Die Eindrücke überrollten mich, ohne dass ich darauf vorbereitet war und ich bekam zum ersten Mal eine fühlbare Ahnung des Leids und der Zerstörung, welche die Nationalsozialisten über Polen und andere Länder gebracht haben. Diese Ahnung verstärkte sich nochmals durch eine Reise nach Warschau, das im Zweiten Weltkrieg zu 95 Prozent zerstört worden war.

Meine Zeit in Polen hat mich in der Überzeugung gestärkt, dass es viel mehr Austausch mit unserem Nachbarland braucht. In den vier Monaten wurde mir bewusst, wie marginalisiert das Land in der Berichterstattung, den Schulen und Köpfen vieler Deutscher ist. Warum hatte ich noch nie zuvor von Polen als Urlaubsland gehört? Hatte es etwas damit zu tun, dass ich in West- und nicht in Ostdeutschland aufgewachsen bin? Warum kenne ich den Aufstand im Warschauer Ghetto nicht aus dem Schulunterricht? Es war mir selbst nie in den Sinn gekommen, nach Polen zu fahren. Ein Land, dessen Grenze von Berlin aus weniger als 100 km entfernt ist. Länder wie Italien, Spanien und Frankreich lagen für mich tatsächlich immer näher als unser östlicher Nachbar.

In meinem Auslandssemester wollte ich neue spannende Erfahrungen sammeln, andere Perspektiven einnehmen. Als ich nach Berlin zurückkehrte, hatte ich viel mehr als nur das im Gepäck: Ich habe ein ganzes Land kennen und lieben gelernt.

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag unseres Kooperationspartners, der OSI-Zeitung.