Erasmus+ Ein Austauschprogramm unter Effizienzdruck

von Moritz Petri

Dieses Jahr beginnt die zweite Generation des Erasmusprogramms: „Erasmus+“ oder auch „Erasmus für alle“ genannt. Eine Chance für alle Austauschwilligen, sollte man meinen. Aber das OSI geht seine eigenen Wege.

Die neue Version von Erasmus fasst nun alle EU-Bildungsprogramme zusammen – vom Kindergarten bis zur Berufstätigkeit. Auch wenn man ein internationales Fußballtrainingslager der F-Jugend oder eine europäische Fortbildung im Beantragen von Landwirtschaftssubventionen veranstalten wollte, könnte das Teil von Erasmus+ sein. Die EU-Kommission brüstet sich damit, das Fördervolumen des Programms im Vergleich zum Vorgänger um 40% auf jetzt 14,7 Milliarden Euro aufgestockt und die Bewerbung um Förderung vereinfacht zu haben.

Erasmus Umbau Europa bei Nacht Moritz Petri
Quelle: Moritz Petri

Von anderer Seite wird Erasmus für alle, das von 2014 bis 2020 laufen soll, allerdings kritisch gesehen. Organisationen aus dem Bereich der Jugendarbeit bemängeln beispielsweise, dass der Schwerpunkt viel zu sehr auf Vorbereitung für den Broterwerb und berufliche Weiterbildung gelegt werde. Sport- und Freizeitprogramme kämen nach der Reform viel zu kurz.

Für Studierende scheint Erasmus+ dagegen tatsächlich ein Plus zu bringen: Ab sofort kann das Austauschprogramm in jeder Studienphase – also während Bachelor-, Master- und Promotionsstudium – für jeweils zwölf Monate in Anspruch genommen werden. Bisher war nur ein Auslandsaufenthalt im gesamten Studium möglich.

Gute Nachrichten auch für OSIanerInnen, sollte man also meinen. Wäre da nicht ein altbekanntes Problem, das einem an der FU an fast jeder Ecke begegnet: Geld.

Denn am Otto-Suhr-Institut werden die neuen Möglichkeiten dem Gott der knappen Kassen geopfert. Das Erasmusbüro hat die Reform zum Anlass genommen, die bestehenden Verträge mit Partneruniversitäten zu prüfen und in einigen Fällen zu streichen. Etwa ein Drittel der Abkommen wurde nicht verlängert.

Das Büro erledigt einen Großteil der mit dem Austausch verbundenen Formalitäten und berät die Studierenden. Geleitet wird es von Helge Jörgens, der das Amt des Erasmuskoordinators neben seiner eigentlichen Tätigkeit als Dozent und Geschäftsführer des Forschungszentrums für Umweltpolitik ausübt. Er wird dabei von Keshia Fredua-Mensah als studentische Hilfskraft unterstützt. Im Ganzen ist das Büro also mit einer Teilzeitstelle und einer Hilfskraft ausgestattet. Die beiden sind im laufenden Austauschjahr 2013/14 für ungefähr 80 Outgoing- und etwa 100 Incoming-Studenten zuständig.

Deshalb wird der Beginnvon Erasmus+ für eine Neuordnung der Austauschplätze genutzt. Dies diene, so Jörgens, nur der Verbesserung des Angebots. Da die Arbeitskapazität des Büros ausgeschöpft gewesen sei, hätten keine neuen Partnerschaften begonnen werden können.

Ob ein Vertrag verlängert, verkleinert oder gestrichen wurde, hing vor allem davon ab, wie groß die Nachfrage nach der jeweiligen Universität am OSI war. So gab es einige Universitäten, aus denen zwar viele Studierende nach Berlin kamen, an die im Gegenzug aber nur wenige OSIanerInnen gehen wollten. Opfer der Kürzungen wurden unter anderem Valencia, Mailand, Breslau und Lausanne, die komplett aus dem Angebot gestrichen wurden. Verringert wurden die Austauschplätze beispielsweise für Brüssel, Straßburg, Warschau und Prag.

Durch diese Maßnahme soll das Erasmusbüro mit seinen Mitteln effektiver arbeiten können, erklärt Jörgens. Die Universitäten, die von der Kürzung betroffen waren, hätten oft enttäuscht reagiert, da das OSI generell ein beliebtes Austauschziel ist.

Jörgens möchte die Maßnahme allerdings nicht als reine Kürzung verstanden wissen, sondern eher als Umstrukturierung. Die weggefallenen Plätze wurden teilweise ersetzt. Zum einen wurde in manchen alten Verträgen die Anzahl der Plätze erhöht. Das gilt für Universitäten wie das University College London oder die Marmara-Universität in Istanbul, für die sich regelmäßig mehr Studierende beworben hatten, als Plätze verfügbar waren. Zum anderen sind mit einigen anderen Hochschulen neue Erasmuspartnerschaften begonnen worden. Dazu zählen die Universität Bologna, die LUISS in Rom oder die Warwick University im bei OSI-Studierenden besonders beliebten Großbritannien.

So ist die Platzanzahl im Endeffekt „nur“ um 16 auf jetzt 97 Austauschplätze gesunken. Damit erhofft sich Jörgens ausreichend Puffer, um in den nächsten Jahren weitere neue Partnerschaften beginnen zu können. Dazu lädt er die Studierenden ein, ihm konstruktive Vorschläge zu machen, welche europäischen Universitäten für OSIanerInnen attraktiv sein könnten.

Mehr Arbeitszeit könnte laut Jörgens auch frei werden, wenn Interessierte ihm keine E-Mails mit Fragen mehr schicken würden, die auf der Internetseite des Erasmusbüros bereits beantwortet wurden.

In Zukunft werden die Plätze und die Auswahl der Ziele also bis auf weiteres verknappt sein. Durch die neue Möglichkeit, mehrfach ins Ausland zu gehen, dürfte das noch schwerer wiegen als ohnehin schon, da die BewerberInnenzahlen wahrscheinlich steigen werden. In der Folge wird es für Erasmuswillige, deren Wünsche von denen der Mehrheit abweichen, besonders schwierig werden, in ihrer Traumstadt studieren zu können.

Jörgens erwähnt auch, dass im europäischen Ausland viele große Universitäten Erasmusbüros hätten, in denen die MitarbeiterInnen hauptamtlich beschäftigt seien – und nicht mehr oder weniger nebenbei, wie an der FU. Doch über Vollzeitstellen scheint hier niemand nachzudenken. Stattdessen wird gekürzt. Im Gegenzug wirbt man lieber an allen Ecken und Enden mit Internationalität. Ob Erasmus+ sich am OSI also so positiv auswirken wird, wie der Name weismachen möchte, bleibt abzuwarten.

Dem OSI selbst hat übrigens nur eine einzige Hochschule gekündigt: Die besonders für Friedens- und Konfliktforschung beliebte Universität von Uppsala.

Dieser Artikel stammt von unserem Kooperationspartner, der OSI-Zeitung.