Wie im schlechten Film: Homophobie in Russland

von Alexander Meltser

Die Berichterstattung rund um die kommenden Olympischen Winterspiele hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Russlands Anti-Homosexuellen-Gesetz seit einiger Zeit von vielen Seiten öffentlich kritisiert und verurteilt wird. Die staatlich geförderte Homophobie Russlands ist jedoch nicht nur im Sport, sondern in allen Lebensbereichen spürbar und erschwert es der russischen LGBT-Community, der Gewalt und Repression wirksam entgegenzutreten. Der OSI-Student Alexander berichtet von den Erfahrungen des LGBT-Kinofestivals „Side by Side”, das im vergangenen November in Russland stattfand.

Queerfestival 1 © Alexander Meltser
Eine Geste gegen Ewiggestrige: Am Veranstaltungsort zeigten TeilnehmerInnen, was sie von Putins Anti-Homo-Gesetz halten.

Die rechtliche Lage von homosexuellen und queeren Menschen in Russland war noch nie besonders rosig. Erst 1993 wurde der Paragraph 121 des Strafgesetzbuches abgeschafft, der sexuelle Handlungen zwischen Männern untersagte. Trotz dieser rechtlichen Entwicklung blieb Homosexualität in der russischen Gesellschaft ein Randthema. Dies scheint sich langsam zu wandeln: So fanden die neuen Gesetze über das Verbot von „homosexueller Propaganda“ nicht nur in westlichen Medien große Aufmerksamkeit, sie lösten auch in Russland eine öffentliche Debatte aus – zumindest im Ansatz.

Aus diesem Anlass besuchte ich das Filmfestival Side by Side, oder Бок о Бок, wie es im Russischen heißt. Es ist das einzige LGBT-Kinofestival Russlands und fand Anfang Dezember in St. Petersburg statt. Mittlerweile gibt es auch Veranstaltungen in anderen Städten und Regionen. Manche dieser Orte mussten in der Zwischenzeit jedoch aus Sicherheitsgründen wieder von der Liste gestrichen werden. Auch in St. Petersburg lief dieses Jahr, trotz sorgfältigster Vorbereitungen des Festivalteams, nicht alles wie geplant.

So schaffte es eine kleine radikale Minderheit aus dem rechten und ultraorthodoxen Spektrum, mehrere Veranstaltungen des Festivals zu sabotieren. Zwar waren sie nicht in der Lage, genügend Menschen für eine Gegendemonstration zu mobilisieren, aber indem sie immer wieder Bombendrohungen bei der Polizei eingehen ließen, konnten sie den Ablauf mit geringem Aufwand stören.

Der Eröffnungsfilm des Festivals beispielsweise wurde im Kino eines Einkaufszentrums gezeigt. Die Polizei räumte den gesamten Gebäudekomplex und durchsuchte ihn mehrere Stunden lang nach angeblich gelegten Bomben. Ein Sprengsatz wurde nie gefunden. Die BesucherInnen mussten währenddessen bei Minusgraden ausharren, bis der Film endlich gezeigt werden konnte. Leider blieb es nicht bei einer einzelnen Drohung, was dazu führte, dass einige Veranstaltungsorte nicht mehr zur Verfügung standen. Sowohl die ZuschauerInnen als auch das Team reagierten spätestens beim dritten Störversuch gelassen und lachten über die Unkreativität der Anrufe. Die Polizei und das Bombenräumungskommando sahen allerdings weniger amüsiert aus.

Queerfestival 2 © Alexander Meltser
Das offizielle Shirt zum Festival: In Russland ist es nicht unbedenklich, dieses frei in der Öffentlichkeit zu tragen.

In einem anderen Fall schlichen sich Minderjährige mit falschen Ausweispapieren in die Vorführung des Films Blau ist eine warme Farbe. Eine Viertelstunde später verließen sie empört den Kinosaal und beschwerten sich vor Journalisten darüber, hineingelassen worden zu sein. Initiiert wurde dieser Störversuch von Witali Milonow, der für Putins Partei Einiges Russland in der Stadtduma sitzt. Er gab kurz darauf zu, dass dies eine beabsichtigte Provokation war, drohte aber trotzdem mit rechtlichen Schritten. Er ist im Übrigen auch der Mann, der 2010 das Gesetz über die „Propaganda von Homosexualität” in die Stadtduma einbrachte, welches später Föderalgesetz werden sollte.

Das Festival wurde nicht nur vom rechten Rand der Gesellschaft attackiert, sondern sah sich auch staatlicher Repression ausgesetzt. Sowohl die Organisation als auch eine der beiden Direktorinnen wurden mit einer Verurteilung nach dem neuen NGO-Agenten-Gesetz konfrontiert. Das Gesetz besagt, dass sich alle politisch tätigen Nichtregierungsorganisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten, als „ausländische Agenten“ registrieren lassen müssen. Da sie stattdessen darauf plädierten, nur kulturell tätig zu sein, drohten ihnen Geldstrafen in Höhe von 10.000 Euro. Erst in dritter Instanz wurde das Urteil gekippt – jedoch aus prozessrechtlichen Gründen. Deshalb wird mit einer neuen Anklage gerechnet.

Eine Verurteilung nach dem Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda” blieb dem Festival bisher erspart. Die rechtliche Lage ist aber so diffus, dass eine gute Öffentlichkeitsarbeit nicht möglich war. Mit Flyern und Plakaten konnte für Sidy by Side im öffentlichen Raum nicht geworben werden. Denn das Gesetz verbietet positive Äußerungen über Homosexualität vor Minderjährigen. Plakate können aber von allen Menschen gesehen werden. Darum beschränkte sich die Werbung auf soziale Netzwerke, Mundpropaganda und auf eine eigene Website, die mit einer kleinen Alterswarnung versehen ist.

Überhaupt lebt das Festival vom Enthusiasmus seines Teams und den vielen Freiwilligen, die es erst ermöglichen. Ich hoffe, dass es auch in den folgenden Jahren stattfindet und nicht in einem Kleinkrieg mit Homophoben und staatlicher Repression zerrieben wird.

Dieser Artikel stammt von unserem Kooperationspartner, der OSI-Zeitung.