Ukraine – zwischen Ost und West?

von Alina Rapoport

Im Zusammenhang mit den Protesten in der Ukraine wird in den Medien oft über die „Spaltung“ des Landes gesprochen. Doch wie geteilt ist das Land zwischen Russland und Europa noch, wenn sich die Proteste gegen die prorussische Regierung zunehmend im ganzen Land ausbreiten, einschließlich (fast) aller östlichen Regionen? Drei aus unterschiedlichen Gegenden der Ukraine stammende OSI-Studentinnen nehmen zu den Protesten Stellung.

In der Ukraine scheiden sich schon seit Jahrhunderten die Geister zwischen Ost und West. Besonders deutlich wurde diese Spaltung der Gemüter bei der Präsidentschaftswahl 2004. Bei der endgültigen Stichwahl entschied sich die große Mehrheit der West- und Zentralukraine für den westlich gesinnten Viktor Juschenko, während die Einwohner der Ost- und Südukraine überwiegend dem zu Russland geneigten Viktor Janukowitsch ihre Stimme gaben. Dieser geographisch bedingte Unterschied im Wahlverhalten lässt sich historisch erklären.

Kiew Ukraine Barrikaden auf dem Maidan  © Eduard Rapoport

Der Osten des Landes wurde 1919 ein Satellitenstaat der Sowjetunion und war auch zuvor lange Zeit russisch geprägt. Die Westukraine gehörte in der neueren Geschichte zu Österreich-Ungarn, bis sie nach dem Zerfall der Doppelmonarchie zwischen Rumänien, Polen und der Tschechoslowakei aufgeteilt wurde. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs ging auch der Westen der heutigen Ukraine an die Sowjetunion über. Auch kulturell wird die Spaltung des Landes deutlich: Im Osten sprechen die meisten Menschen Russisch, während der Westen nur Ukrainisch spricht. So ist wenig verwunderlich, dass die aktuellen Proteste in Kiew, in der Mitte des Landes, begannen und sich dann Richtung Westen ausbreiteten.

Ende November fanden auf dem zentralen Platz in Kiew, dem Maidan, Studentendemonstrationen statt, die sich für die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU einsetzten. Der ukrainische Präsident Victor Janukowitsch hatte sich zuvor auf Druck Russlands gegen eine Unterzeichnung entschieden. Nachdem in der Nacht auf den 1. Dezember die Polizei versuchte, die Proteste gewaltsam zu beenden, nahm die Zahl der Demonstrierenden enorm zu. Seitdem protestieren oft hunderttausende Menschen täglich für den Rücktritt des Präsidenten und eine Umbildung der ukrainischen Demokratie nach westlichem Vorbild.

Olena Suvorova verfolgt die Proteste in der Ukraine mit wachsender Skepsis. „Meine Meinung gegenüber dem Maidan hat sich sehr zum Negativen verändert“, erklärt Olena. In der Region um Donetsk, Ost-Ukraine, geboren, lebt sie seit mehreren Jahren in Berlin und studiert im sechsten Semester Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut.

Ukraine Barrikade auf der Gruschewskistr in Kiew 2. Feb © Eduard Rapoport

Die gewaltsame Räumung des Protestplatzes durch die Spezialeinheit ‚Berkut’ in der Nacht zum 1. Dezember 2013 deutet die angehende Politikwissenschaftlerin als Antwort auf eine vorausgegangene Provokation. Seit diesen Ereignissen habe sie zunehmend eine ablehnende Haltung gegenüber den Demonstrationen entwickelt. „Natürlich finde ich es schlimm, dass Menschen niedergeschlagen werden. So etwas halte ich für völlig unzulässig.“, erklärt die Studentin. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen seit der Verschärfung des Demonstrationsrechts und die Besetzung der Gebäude von Stadtverwaltungen in großen Teilen der Ukraine haben ihre negative Meinung zu den Protesten nur verstärkt. „Ich sehe keinen Unterschied zwischen Vandalismus und den (derzeitigen) Handlungen der Protestierenden“, so Olena. Die Studentin ist überzeugt, dass destruktives und gewalttätiges Handeln von keiner Idee gerechtfertigt werden könne. Die Devise der Gewaltfreiheit vertritt sie nicht nur in Bezug auf die Vorgehensweise der Demonstrierenden, sondern auch was die Reaktionen der Regierung anbelangt.

Sie ist skeptisch, ob sich die Menschenrechtssituation in der Ukraine wirklich verbessere, nur weil das Land dem Assoziierungsabkommen mit der EU zustimmt. Obwohl die Türkei das Abkommen schon vor 50 Jahren unterschrieben hat, sei es dort ja auch nicht demokratischer geworden.

Die Ukraine sei auch einfach in Vielem von Russland abhängig. „Sicher, Russland benutzt sein Gas als Druckmittel. Dennoch glaube ich, dass es einfacher ist für die Ukraine, ihre Politik mit Russland zu führen“, meint Olena. Gleichzeitig hält sie es aber auch für wichtig, dass die Ukraine ihr Gesicht gegenüber dem mächtigen Nachbar wahrt. Die Zukunft der Ukraine sieht die Studentin nicht in der EU. Sie hofft viel mehr, dass die Ukraine unabhängig von der EU, aber auch von Russland wird.

Nadja Didyk kritisiert ebenfalls die Gewaltbereitschaft der Protestierenden. Dennoch unterstützt sie nach wie vor die Demonstrationen für Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Die 24-jährige ist im Westen der Ukraine geboren und hat in Kiew ihr Erststudium absolviert. Seit drei Semestern studiert Nadja nun Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut.

Die Schuld für die etwa 80 verletzten Zivilpersonen in der Nacht zum 1. Dezember gibt Nadja dem ukrainischen Staat. Ebenso macht sie Präsident Janukowitsch persönlich für die Toten der letzten Wochen verantwortlich. Die Ausweitung der Proteste auf das ganze Land zeige, dass die Menschen in ihren Werten geeint seien. „Niemand will in einem Land leben, wo der Machthaber Menschen schlägt und tötet“. Letztlich gehe es für die Menschen nicht in erster Linie um die Nähe zu Europa oder zu Russland, sondern um den Unwillen, eine Staatsgewalt zu akzeptieren, der das eigene Volk gleichgültig sei.

Vor kurzem noch sei sie sich sicher gewesen, dass es in der Ukraine zu einer Spaltung in mindestens zwei Teile kommen werde. Doch ihre Meinung hat sich nach der Besetzung der Stadtverwaltungsgebäude in den westlichen und einigen östlichen Regionen des Landes stark gewandelt. „Die Ukraine ist in ihrem Hass gegenüber der Regierung geeinter als es scheint“, erklärt Nadja. Die gemeinsamen Werte, was richtig und was falsch ist, hätten die gewöhnlich bestehenden Differenzen zwischen dem politisch aktiven, proeuropäischen Westen und dem politisch eher passiven, russlandnahen Osten für den Moment überwunden.

Die OSI-Studentin Olexandra Petrova war Anfang Januar auf dem Maidan. „Für mich war es wichtig, das alles zu sehen, zu verstehen und zu unterstützen“, erzählt die in Kiew geborene 19-jährige. Sie kann die Bestrebungen der Ukrainer nachvollziehen, in einem demokratischen Land leben zu wollen, wo Menschenrechte eine wichtige Rolle spielen. Die gewaltsamen Aktionen der Demonstrierenden hält sie aber für falsch. „Ich verurteile die Verwendung irgendwelcher Waffen“, so die Studentin. Dennoch sei es auch vom „Berkut“ amoralisch, wehrlose Demonstrierende zu fünft zu umzingeln und mit Füßen zu treten.

Olexandra findet, dass die Lösung des Konflikts nicht unbedingt zu einer Verschlechterung der ukrainisch-russischen Beziehungen führen müsse. Eine Hinwendung zur EU solle keine komplette Abwendung von Russland beinhalten. „Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Russen und Ukrainern“, sagt die 19-jährige. So meint die Studentin, dass der Konflikt zwischen der Ost- und der Westukraine in den Medien übertrieben dargestellt werde. Sie hätte noch nie bei ihren Besuchen in Lemberg irgendwelche Probleme gehabt, obwohl sie von Haus aus Russisch redet. Ähnlich wie ihre Kommilitonin Nadja sieht sie die Besetzung der Stadtverwaltungen als Bestätigung an, dass auch die Menschen in den östlichen Regionen verstanden haben, dass sich etwas verändern muss.

Für Nadja Didyk und Olexandra Petrova stellen die landesweiten Proteste eine interne Einigung des Landes über die Bedeutung der Menschenrechte und Demokratie dar. Für Olena Suvorova dagegen repräsentieren die Demonstrierenden eher einen gewalttätigen Mob, der durch die Annährung zu Europa falschen Annahmen über Demokratie und Wohlstand anheim fällt. Die unterschiedlichen Meinungen der Ostukrainerin und der Westukrainerinnen scheinen die innere Spaltung des Landes widerzuspiegeln. Ob diese Spaltung aber nach wie vor ein bezeichnendes Merkmal der Ukraine ist, kann seit den (fast) landesweiten Protesten nicht mehr ohne weiteres gesagt werden.

Dieser Artikel stammt von unserem Kooperationspartner, der OSI-Zeitung.