Uni: Die Zukunft holt das OSI ein

Text: Jonas Huggins | Grafiken: Jan Thordsen

Mit Online-Vorlesungen bei den benachbarten Erziehungswissenschaften und Online-Mastern im Angebot steht das OSI an der Spitze eines wichtigen Trends: Der Digitalisierung der Bildung. Studieren wir bald alle über das Internet?

Stellen wir uns einen jungen Mann in Kuala Lumpur vor. Wie jeden Tag geht er seiner Arbeit nach. Vielleicht hat er es dabei mit Touristen zu tun, vielleicht ist er im internationalen Handel tätig oder arbeitet für die Regierung. Sicherlich aber ist er in einem Land aufgewachsen, in dem Malaien, Chinesen, Inder und indigene Völker zusammen leben. Er hat Wehrdienst leisten müssen und wäre direkt betroffen, wenn Konflikte in der Region eskalieren.

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Stellen wir uns vor, dass dieser junge Mann ein großes Interesse an der Politik gewonnen hat. Und wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, schaltet er möglicherweise seinen Computer an und schreibt sich ein – am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Vielleicht kann er dort bisher unbeachtete Perspektiven einbringen. Eine Zukunftsvision? Schon heute ist das möglich!

Fangen wir von vorne an: Viele studieren Politik, um ihr Wissen später an andere weitergeben zu können. Wer das in der Schule machen möchte, muss Erziehungswissenschaften belegen, um zu lernen, wie das denn am besten geht mit der klugen Didaktik: Wie interessiere ich meine Schüler*innen? Wie vermittle ich Wissen am nachhaltigsten? Wie schaffe ich eine Lernatmosphäre, die für alle gerecht ist und in der sich alle wohlfühlen?

Doch anders als die meisten Studierenden lernen sie das nicht nur in einem Vorlesungssaal. Denn die Einführungsvorlesung in die Erziehungswissenschaft ist dieses Semester online gegangen. Wenn Lehrämtler*innen das Lehren lernen, können sie das von zu Hause aus tun, indem sie bequem die Vorlesung auf Video anschauen. Sie können dabei essen, den Abwasch machen, bügeln oder rauchen, sie können nackt im Bett liegen, erkältet einen Tee schlürfen oder sich mit einem Sterni die Lernmotivation antrinken. Niemanden wird das stören. Und keiner wird die Anwesenheit überprüfen können, wenn es keine Anwesenheit mehr gibt.

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Wer eine Online-Vorlesung besucht, muss nicht mehr wöchentlich in der Uni aufkreuzen. Krankheit, lange Nächte und notorisches Weckerüberhören sind also keine Probleme mehr fürs Studieren. Das bedeutet auch, dass man die Vorlesungen aufschieben kann, wann es einem vermeintlich besser passt. So wird aus einer regelmäßigen Veranstaltung bei so manchen Studierenden ein Blockseminar am letzten Wochenende vor der Prüfungszeit.

Online-Vorlesungen gibt es schon länger. Alle kennen die Fern-Uni Hagen – inzwischen studieren dort über 80.000 Menschen, ohne jemals in Hagen gewesen zu sein. Die Lernmaterialien finden sich im Internet oder werden per Post zugesandt. Lediglich einige Prüfungen müssen an bestimmten Orten absolviert werden – aber das ist in vielen Städten möglich.

Es gibt einige gute Gründe, Vorlesungen über das Internet abzuhalten. Oft ist es einfach der Platz oder die Lehrkapazität, die fehlt. Die Einführungsvorlesung in die Erziehungswissenschaft besuchen jährlich über 600 Studierende. Auch anderswo wird ins Internet verlagert, wenn es vor Ort nicht klappt: Im System des Sciences Po in Frankreich sehen beispielsweise Studierende in Nancy Videos von Vorlesungen in Paris, weil in Nancy die entsprechenden Professuren nicht besetzt werden können.

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Online-Vorlesungen bringen aber noch andere Vorteile mit sich: Sie garantieren einen barrierefreien Zugang zu den Veranstaltungen. Und anstatt dass alle im selben Trott mitgeschliffen werden, können die Teilnehmenden ihr eigenes Lerntempo bestimmen. Jeder lernt ein bisschen anders: Während die eine sich die Vorlesung nur kurz anhören will, möchte der andere möglicherweise lieber alles genau mitschreiben – und zurückspulen, wenn er etwas verpasst hat.

Begleitet wird das Video der Pädagogikvorlesung von kleinen Kurztests, an denen überprüft werden kann, ob man mit dem Stoff mithält. Außerdem können den Dozent*innen per Email Fragen gestellt werden und es gibt ein Forum für Diskussionen.

Eine Vorlesung online anzubieten ist aber nur der erste Schritt. In der Erziehungswissenschaft werden Klausuren nach wie vor konventionell in der Uni abgelegt.. Anderswo ist man bereits weiter und verlagert alles ins Internet.

Ganz vorne mit dabei ist das OSI. Seit 2006 kann man dort den International Relations Online Master studieren. Geleitet wird das Programm von Professor Klaus Segbers. Er ist Direktor des Center for Global Politics, das auch einen Masterstudiengang in Osteuropastudien anbietet. Das Center brüstet sich mit schönen Zahlen: 528 Alumni aus 49 verschiedenen Ländern hätten an den Programmen teilgenommen.

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Auf der in edlem Karamell gefärbten Website gibt es auch ein professionelles Mission Statement: „Kontext und Orientierung ohne falsche Versprechen“ biete das Center, es mache professionals wettbewerbsfähiger, indem es mit seinem Netzwerk aus öffentlichen, sozialen und unternehmerischen Partnern arbeite. Die Worte „post-modern“ und „Globalisierung spielen eine große Rolle. Wer sich einschreiben will, benötigt neben einem guten Bachelor-Abschluss ein Motivationsschreiben, „relevante professionelle Erfahrung“, gute Englischkenntnisse und Empfehlungsschreiben. Doch das ist nicht alles: Man braucht auch Geld. Je nachdem, ob man Vollzeit oder Teilzeit studieren möchte, kostet der Master zwischen 16.500 und 17.500 Euro.

Anderswo geht das billiger. Vor weniger als zwei Jahren gründeten MIT und Harvard-Universität die Plattform edX, auf der Online-Vorlesungen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Das Format nennt sich dann Massive Open Online Course oder MOOC und erreicht pro Veranstaltung teilweise hunderttausende Hörer*innen auf der ganzen Welt. Inzwischen haben viele weitere amerikanische, asiatische und europäische Eliteuniversitäten Material beigesteuert. Primär geht es darum, qualitativ exzellente Lehre für alle zugänglich zu machen. Die einzigen Zugangsvoraussetzungen sind Sprachkenntnisse und ein Internetzugang.

Darüber hinaus werden gegen eine relativ geringe Gebühr Zertifikate zu bestandenen Kursen ausgestellt. Diese Zertifikate können kein Studium ersetzen, ermöglichen den Hörer*innen aber, ihre neuen Kenntnisse nachzuweisen. Andere haben das als Geschäftsmodell entdeckt: Kommerzielle Plattformen wie Coursera, Udacity und iversity bieten die MOOCs zwar ebenso kostenlos an, verdienen aber mit Zertifikaten und mit der Vermittlung von guten Absolvent*innen an Unternehmen viel Geld.

Vollkommen dem Ideal kostenloser Wissensverbreitung hat sich dagegen die Khan Academy verschrieben. Der Begründer dieses Projektes Salman Khan hatte ursprünglich bloß seinen Cousins Mathenachhilfe geben wollen und dazu einige erklärende Videos auf Youtube hochgeladen. Diese waren aber schlagartig ein riesiger Erfolg und heute gibt es von ihm über 5500 solcher Videos. Der Schwerpunkt liegt auf Mathematik und den Naturwissenschaften, aber auch zur Weltgeschichte finden sich Dutzende Videos. Mit Energy Points und Badges wird versucht die Lernenden zu motivieren, gar süchtig zu machen. Der Erfolg dieses Modells ist enorm: Über zehn Millionen verschiedene Nutzer*innen pro Monat sehen die Videos, die mittlerweile auf 28 Sprachen übersetzt sind.

Ist das die Bildung von morgen? Mit Wikipedia ist die Enzyklopädie für alle zugänglich geworden. Folgt nun die akademische Bildung, die bislang einer privilegierten Elite vorbehalten war? Natürlich können auch Internetforen und ein Professor*innen-Chat nicht den direkten Kontakt zu Dozent*innen und Kommiliton*innen ersetzen. Die Seminardiskussionen, die das Studium am OSI ausmachen, sind online in der Form nicht möglich. Und trotz allen Wünschen nach Selbstbestimmung im Studium sind sicher viele froh über eine klare Routine, denn sie erleichtert die Überwindung des inneren Schweinehunds.

Dennoch: Der digitalen Bildung gehört die Zukunft – auch in der Politikwissenschaft. Denn sie verheißt wahrlich freie Bildung. Keine Anwesenheitspflicht und keine Barrieren mehr! Am wichtigsten wäre jedoch, dass das OSI einen offensichtlichen inneren Widerspruch überwinden könnte. Auch wenn sich das OSI anti-elitär gibt, selektiert es mit einem NC von rund 1,4 für den Bachelor so sehr wie keine andere deutsche Uni in dem Fach. Auch die Zugangsbeschränkungen könnten also fallen – im Netz wäre unsere Universität tatsächlich frei.

Dieser Artikel stammt von unserem Kooperationspartner, der OSI-Zeitung.