„Hochmotiviert, teilzeitfrustriert“

Andy Kleinert, Jugendbildungsreferent der Heinrich-Böll-Stiftung, führte auf der Pfingstakademie Jugendbeteiligung 2014 des wannseeFORUMs die Teilnehmenden in das diesjährige Thema, „An die Arbeit!? – Jugend zwischen Leistungsdruck und Selbstverwirklichung“, ein. Julian Heck hat den informations- und facettenreichen Impulsvortrag auf dem Blog pfingstakademie.de resümiert.

Von Julian Heck


Hochmotiviert, teilzeitfrustriert

Mädchen springt in die Luft mit Luftballons in der Hand
Foto von Ann-Dorte Schach / www.jugendfotos.de (CC by-nc)


Früher war sie eine Strafe, heute ist sie eine Tugend: Die Rede ist von der Arbeit. Andy Kleinert von der Heinrich-Böll-Stiftung hatte jede Menge Zahlen, Daten und Fakten im Gepäck, mit denen er am Samstagmorgen auf der Pfingstakademie in das Seminarthema „An die Arbeit!? Jugend zwischen Leistungsdruck und Selbstverwirklichung“ eingeführt hat.

An die Arbeit!“, brüllt der Vater mit dem Zeigefinger schwenkend seinen Sohn an und verschwindet. Der Sohn jubelt nach dieser Aufforderung ganz und gar nicht. Arbeiten – wer will denn schon arbeiten? Dass der Begriff „Arbeit“ historisch nicht wirklich positiv besetzt war, erklärt auch Andy Kleinert von der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg in seinem Impulsvortrag am Thementag der #wsfPA14. Arbeit komme von Mühe, Not und Strapaze und wurde bis ins 16. Jahrhundert als Strafe eingesetzt. Kleinert, ehemaliger Langzeitstudent und Freiberufler mit finanziellen Problemen, weiß genau, wovon er spricht. Heute bei der Böll-Stiftung ist er zufrieden mit seiner Teilzeitstelle und flexiblen Arbeitszeiten, obwohl für den Job auch mal das Wochenende mit den Kindern geopfert wird. Seine Arbeit macht ihm Spaß.

Arbeit sei aber nicht gleich Arbeit. Sie könne unterschieden werden in Lohnarbeit, Zwangsarbeit, Sexarbeit, ehrenamtlicher Arbeit und mehr, wobei die Lohnarbeit im Fokus der öffentlichen Debatte stehe, so Andy Kleinert. Doch warum arbeiten wir eigentlich? Auf diese Frage gebe es (mindestens) drei Antworten: Arbeitende sichern im Falle der Lohnarbeit ihre Existenz, befriedigen ihre Bedürfnisse und sie arbeiten zur Daseinserfüllung.

“Du hast keinen Job, du Faulenzer? Beweg’ dich endlich von der Couch weg und mach dich auf die Suche nach einer Arbeit” – eine Aussage, die gegenwärtig nicht unüblich ist. Unüblich ist eher, nicht arbeiten zu gehen oder, schlimmer noch, nicht arbeiten gehen zu wollen. Die absolute Mehrheit gehe zurzeit einer Beschäftigung nach, wie der Böll-Referent anhand einiger Zahlen veranschaulicht: 6,9 Prozent der Erwerbsfähigen in Deutschland haben keinen Job – zumindest laut offizieller Statistik. Denn über fünf Millionen Menschen erhalten Arbeitslosengeld und das sind circa 12 Prozent. Unter die Arbeitslosengeldempfänger fallen nämlich zum Beispiel auch Arbeitslose in staatlichen Weiterbildungsmaßnahmen und sogenannte Aufstocker, also solche Menschen, die mit ihrer Arbeit nicht genug Geld verdienen, um damit ihre Existenz zu sichern. Sie werden in der offiziellen Arbeitslosenstatistik nicht erfasst. Viel drastischer sehen die Zahlen in Ländern wie Spanien oder Griechenland aus, wo 50 bis 60 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. „Deutschland hält sich in dem Krisenszenario relativ gut“, resümiert Kleinert.

„Um etwas leisten zu können, muss jeder seine Tätigkeit für wichtig und gut halten“
– Leo N. Tolstoi

In den letzten Jahren und Jahrzehnten seien aber starke Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten. Die Teilzeitarbeit steige kräftig an, ebenso wie die Leiharbeit und befristete Beschäftigungsverhältnisse. Negativ entwickele sich der Arbeitsmarkt beispielsweise auch im Hinblick auf den Verdienst: Der Reallohnverlust seit dem Jahr 2000 betrage 1 Prozent. Der Einkommensunterschied zwischen Arm und Reich werde weiterhin größer, „die Schere klafft auseinander“: 1 Prozent der Menschen besitze 35,8 Prozent des Gesamtvermögens, 10 Prozent der Menschen 69 Prozent des Gesamtvermögens und die Hälfte der Menschen besitze sogar 97 Prozent.

“An die Arbeit! Lasst uns das Projekt heute unbedingt noch abschließen. Dann haben wir den ersten großen Kunden zufrieden gestellt und es kann weitergehen”, motiviert die Chefin ihre Mitarbeiter und spricht ihnen Mut zu. Dass sie das vielleicht gar nicht müsste, weil ihre Angestellten das sowieso gerne tun, ist heute nichts Ungewöhnliches mehr. Arbeit ist zu einer Tugend geworden, geprägt von dem Streben nach Selbstverwirklichung. Diese und weitere Tendenzen stellt auch Andy Kleinert fest: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden durchlässiger, die Arbeitszeiten und -orte flexibler, Selbstbestimmung spiele eine größere Rolle, der Beruf bleibe oftmals nicht mehr das ganze Leben der gleiche und „soziale Kompetenzen sind sehr gefragt“. Obwohl gerade der letztere Punkt für das ehrenamtliche Engagement zu sprechen scheint, bleibe wegen dauernder Verfügbarkeit im Job immer öfter keine Zeit für das Ehrenamt. Ein Aspekt, der im Impulsvortrag von Andy Kleinert ein wenig zu kurz kam, lautet doch das Motto der diesjährigen Pfingstakademie „An die Arbeit?! Jugend zwischen Leistungsdruck und Selbstverwirklichung“. Wie hoch ist denn der Leistungsdruck der Jugend wirklich und wodurch entsteht dieser? Nehmen Jugendliche den Leistungsdruck in Kauf, wenn sie sich dafür in ihrer Tätigkeit selbstverwirklichen können? Fragen, die Kleinert den Teilnehmern nach seinem Vortrag noch schuldig blieb. Vielleicht auch nicht ganz unbeabsichtigt, um die Jugendlichen mit offenen Fragen in die anschließenden Workshops zu entlassen – ohne Druck und ganz selbstbestimmt.