„Auch Du bist Arbeit“

ein Kommentar von Niklas Schenker zur Lage der Nation

(aus dem Blog der Pfingstakademie „An die Arbeit!? – Jugend zwischen Selbstverwirklichung und Leistungsdruck“ vom 6. bis 10. Juni 2014 im wannseeFORUM)

Niklas
Ich denke, also schreib ich: Niklas Schenker (erster von links, erster von rechts), Foto: Er selbst

Wir sind auf der Pfingstakademie. Und wir reden über Arbeit. Wir fragen uns, wie wir in Zukunft selbstbestimmt arbeiten können. Für einen Großteil in der Gesellschaft stellt sich diese Frage gar nicht. Sie werden von einem Jobcenter zum nächsten geschoben und in diversen Maßnahmen geparkt. Selbstverwirklichung über Arbeit ist ein Privileg der Gutqualifizierten.

Wer kann sich über seine Arbeit selbstverwirklichen? Selbstverwirklichung in der Arbeitswelt ist nur für wenige Menschen in der Gesellschaft möglich. Die Pfingstakademie kann dabei zwar ein Beispiel für die Selbstverwirklichung sein: in Form von freiwilliger Teilnahme an einem Seminar, bei dem die Workshops teilweise von Jugendlichen mitentwickelt werden. Oder über direkte Mitbestimmung und Partizipation. Vor allem aber über eine freie Wahl der Arbeit oder Nichtarbeit.

Damit befinden uns in einer äußerst privilegierten Lage und sollten das auch zu schätzen wissen. Pfingstakademie kann Freiraum bedeuten, ohne gesellschaftlichen Druck von Außen an Themen zu arbeiten, zu diskutieren und sich so weiterzubilden.

Selbstverwirklichung? Nicht für alle!

Viele Menschen in dieser Gesellschaft haben aber leider gar keine Möglichkeit, frei und selbstbestimmt über ihre Tätigkeit bestimmen zu können. Das gilt für die Art von Menschen, die nicht frei ihre Berufswahl treffen, sondern aufgrund von wirtschaftlichen und/oder gesellschaftlichen Konventionen in bestimmte Arbeitsfelder gedrängt werden und denen somit viele, ihnen vielleicht interessanter erscheinende Beschäftigungen, verwehrt bleiben. Wenn zum Beispiel ALG 2-Empfänger in Maßnahmen gezwungen werden und man ihnen die Bezüge kürzt, wenn sie sich einer Arbeit verwehren, dann ist das ein solcher Fall. Dabei geht es meist um Beschäftigungen, die keinen gesellschaftlichen Nutzen haben. Es lässt sich auch kein ernsthafter Nutzen für die Betroffenen erkennen. Es geht hier ums Prinzip. Arbeit ist notwendig und muss erledigt werden – ob wir das wollen oder nicht.

Die wenigsten Menschen können wohl heute wirklich „frei“ über ihre Beschäftigung bestimmen, das heißt, ohne dabei zwangsläufig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden zu müssen und durch eine klare innere Überzeugung eine Ausbildung zu beginnen. Dabei besteht der Sinn und Zweck von Arbeit – auch in der Lohnarbeit – nicht rein in der Entlohnung, sondern Arbeit sollte eine gewisse Identifikation oder zumindest Teilhabe am gesellschaftlichen Austausch schaffen.

Nicht von jeder Arbeit lässt sich auch „gut“ leben

Um das „große Geld“ machen oder schlichtweg eine Familie ernähren zu können (für viele sicher das Sinnbild eines guten Lebens), werden Kompromisse eingegangen. Hier zeigt sich aber: nicht von jeder Arbeit lässt sich auch wirklich „gut“ leben. Schlimmer wird es noch, wenn Menschen jegliche Entscheidungsmöglichkeit genommen wird, sich für oder gegen eine bestimmte Arbeit zu entscheiden.

Wie geht das? Durch Druck auf Hartz-4-Empfänger, ihnen die Gelder zu kürzen, wobei Bezüge existenzsichernd und nicht armutsverhindernd sind. Zugespitzt heißt das: man wird schon nicht verhungern. Hier wird ein Muster erprobt: Die Unteren in der Gesellschaft, die Prekarisierten, werden als Einsatzreserve verwaltet. Diesen Druck erfahren Leih- und Zeitarbeiter heute ganz ähnlich, wenn sie keine Streikrechte inne haben und ihnen so die Möglichkeit verwehrt wird, aktiv ihre Situation zu verändern.

Gute Arbeit, was soll das sein?

Gesellschaftsdruck beginnt aber schon früher – fern von Qualifikation und Ausbildungsniveau. Schon in der Schule oder in der Uni werden Jugendliche und junge Erwachsene zum Leistungsdruck und zu verschärftem Konkurrenzdenken gezwungen. Wenn wir uns dann gesellschaftlich engagieren, kann das durchaus aus einer Drucksituation heraus geschehen – wir wollen nicht nur gute Arbeit leisten, wir müssen Arbeit leisten. Und wenn wir über gute Arbeit reden, was soll das sein? Die von der CDU einmal im Wahlkampf ausgegebene Formel „Sozial ist, was Arbeit schafft“ wurde von der SPD angesichts massiver prekärer Beschäftigungsverhältnisse wie Leih- oder Zeitarbeit erweitert durch die Losung „Sozial ist, was gute Arbeit schafft“. Dort wird das „gut“ übersetzt mit „gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit“. Dies zeigt allerdings nur die Dimension der Entlohnung auf und geht weniger auf die viel tiefer liegenden identifikatorischen Aspekte von Arbeit ein.

Auch viele Gutausgebildete sind heute prekarisiert

Vor allem wir, die Jugendlichen der Pfingstakademie, versuchen später einem Beruf nachzugehen, der nicht nur wirtschaftliche Absicherung garantiert, sondern eine idealistische oder soziale Befriedigung verspricht. Doch auch viele Gutausgebildete sind heute prekarisiert, einer künstlichen Druckerzeugung sind heute mehr oder minder alle ausgesetzt. Das bedeutet zwar nicht, dass eine zunächst vielleicht als „Zwang“ wahrgenommene Erwerbstätigkeit nicht zu einem erfüllten und glücklichem Arbeitsleben führen kann oder das zwangsläufig Freiberufler ein glücklicheres Leben führen. Entscheidend ist, dass beide Gruppen heute eine zwar unterschiedlich ausgeprägte, aber innewohnende Freiheit der Berufswahl erleben wollen, nur nicht gleichermaßen können. Wirklich schwer wird es dann, wenn überhaupt keine Entscheidungsfreiheit mehr gegeben ist.

COMMENTS

  • Hach, ich muss jetzt ein wenig meckern, nimm mir das bitte nicht böse:

    1.) „Das gilt für die Art von Menschen…“

    Wie viele Arten von Menschen gibt es denn? Ich behaupte ja, es gibt da nur eine „Art“, aber ich kann mich ja täuschen.

    2.) „Sozial ist, was gute Arbeit schafft”

    Das solltest du dir noch einmal überlegen. Die SPD hat mit der Hartz4-Gesetzgebung deutlich gemacht, was sie will. Sie will, das Menschen arbeiten, egal wie mies die Arbeit ist und sie hat dies mit der Leiharbeit noch weiter voran getrieben. Die SPD will keine „gute“ Arbeit, sie will höchstens gute „Arbeitssklaven“, die sich von der Wirtschaft ausbeuten lassen.

    • Ich wollte zu 1. noch ergänzen, dass ich diese Redewendung garantiert auch schon in meinen Blogartikeln verwendet habe, deswegen ist es so wichtig, sich darüber Gedanken zu machen 😉

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