„Scheiß aufs Geld“

ein Kommentar von Julian Heck

(aus dem Blog der Pfingstakademie „An die Arbeit!? – Jugend zwischen Selbstverwirklichung und Leistungsdruck“ vom 6. bis 10. Juni 2014 im wannseeFORUM)

Wir sind auf der Pfingstakademie. Und wir reden über Arbeit. Wir fragen uns, wie wir in Zukunft selbstbestimmt arbeiten können. Dass das gelingen kann, zeigt die derzeitige Startup-Welle, die durch Berlin und den Rest der Welt rauscht. Statt Jobgarantie, Karriere und Geld stehen Eigenverantwortung, Flexibilität und Selbstverwirklichung im Vordergrund. Ein Plädoyer für eine neue Unternehmenskultur.

„Heute erwarten wir von unserem Beruf, dass er uns nicht nur satt macht, sondern auch mit Glück und Sinn erfüllt. Aber muss er das wirklich?“, fragt Christoph Koch in der Zeitschrift NEON. Die zentrale Frage bei dieser Frage ist: Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserem Leben? Gemessen an der Zeit, die ein Durchschnittsbürger im Leben mit seiner Arbeit verbringt, ist diese nicht weniger wichtig als Familie, Freunde und Hobby. Kein Wunder also, dass aus der negativ bewerteten Arbeit eine Tugend wurde, die mehr als bloß den finanziellen Aspekt beinhaltet. Insofern dürfte der Wunsch nach einer mit Glück und Sinn erfüllten Arbeit nicht ganz unbegründet sein.

Gründen für mehr Flexibilität

Die Zeiten, in denen man einen Beruf erlernt und dann bis zur Rente in diesem Job bei einer Firma gearbeitet hat, sind vorbei. Das Zauberwort lautet: Flexibilität. Einerseits wird sie von Arbeitgebern immer mehr verlangt – nicht immer zugunsten der Arbeitnehmer. Andererseits möchten gerade junge Menschen ihre Flexibilität nicht aufgeben. Das Resultat: Immer mehr Startups sprießen aus dem Boden. Die Gründerbewegung zeigt sehr eindrücklich, worauf es jungen Menschen ankommt: Sie wollen ihr eigenes Ding machen, selbst Verantwortung übernehmen, von Zeit und Ort unabhängig sein, sich nicht an verkrustete Unternehmensstrukturen anpassen und – ja, auch das gehört dazu – Spaß haben. Nach dem Studium zieht es einige der Absolventen deshalb nicht mehr automatisch in ein großes Unternehmen, sondern vermehrt in die Selbstständigkeit. Sie gründen.

Selbstverwirklichung statt Karriere

Natürlich ist auch das kein Spaziergang mit integriertem Geldregen. Gründer haben bürokratische Hürden zu meistern, stoßen im Supermarkt nicht mal eben auf einen Investor und verkaufen ihr Produkt oder ihre Dienstleistung nicht, weil sie so nett sind. Auch junge Entrepreneure haben Leistungsdruck, der hauptsächlich von innen, von ihnen selbst kommt. Sie wollen mit ihrem Unternehmen nicht scheitern, sondern von ihrer Arbeit leben können. Entscheidend ist aber, dass sie all das in Kauf nehmen, weil sie von ihrer Idee überzeugt sind und Freiräume haben, die ihnen kaum ein Arbeitgeber bieten würde. Sie können sich über ihre Arbeit selbstverwirklichen. Einige von ihnen verzichten für diese Chance sogar auf ein festes, gutes Gehalt.

Eine alternative Unternehmenskultur

Die einsetzende Startup-Welle könnte das Thema Arbeit in der Gesellschaft grundlegend verändern, für eine alternative Unternehmenskultur sorgen. Das wäre auch gut so. Mobile Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten, mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, Vernetzungsmöglichkeiten und Raum für Kreativtät sind Aspekte einer neuen Arbeitswelt, die über Startup-Grenzen hinaus getragen werden sollten. Alle Arbeitgeber, Arbeitnehmern und Selbstständige würden von dieser neuen Unternehmenskultur profitieren – und nicht bloß der kleine Kreis der Kreativwirtschaft, der den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Ob alle Menschen von ihrem Beruf mit Glück und Sinn erfüllt werden können, ist fraglich. Aber sie könnten glücklicher und motivierter sein. Auch kleine Schritte sorgen für Bewegung.