„Ich bin wie eine Dampfwalze“

eine Reportage von Joanna Bauer über Motive und Grenzen des Weltverbesserns

(aus dem Blog der Pfingstakademie „An die Arbeit!? – Jugend zwischen Selbstverwirklichung und Leistungsdruck“ vom 6. bis 10. Juni 2014 im wannseeFORUM)

 

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Du bekommst keine Bezahlung, musst viel von deiner Freizeit investieren und am Ende gibt es vielleicht nicht mal ein Dankeschön: Warum arbeiten wir ehrenamtlich? Im Rahmen der Pfingstakademie 2014 treffen im Workshop „Ehrenamt, Engagement, Eigenverantwortung – Grenzenloser Nutzen?“ 15 junge freiwillig Engagierte aufeinander. Die zentrale Frage des Seminars lautet, wie und im welchem Verhältnis heute unbezahlte und freiwillige Tätigkeiten zur Erwerbs- oder Lohnarbeit stehen.

 

„Ich hatte noch nie einen Burnout, ich habe mich kontinuierlich selbst reflektiert“, erklärt der Moderator mit dem kurzärmeligen, weißen Hemd und der dunklen Hose seinem im Stuhlkreis sitzenden Publikum. „Wie machst du das genau mit der Reflexion?“, fragt eine Teilnehmerin. Die Nachfrage scheint auch andere im Raum zu beschäftigen. Aus der Runde der insgesamt 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt es zustimmendes Nicken. Prompt folgt die Antwort des Moderators: „Ganz einfach, indem ich mir bewusst einen Tag in der Woche oder eine ganze Woche Urlaub im Jahr frei nehme. Und indem ich mich selbst jeden Abend, wenn ich mich ins Bett fallen lasse, frage: ‚Bin ich glücklich mit dem, was ich tue?’“

Was ist Ehrenamt?

Was sich zunächst nach einem Gespräch innerhalb eines Seminars für Manager zur Stressbewältigung im beruflichen Alltag anhört, ist doch weit von dem entfernt, was sich im Bereich von Profession und Profit ansiedeln lässt. Denn Inhalt dieses Seminars ist das ehrenamtliche Engagement. Doch was heißt eigentlich „Ehrenamt“? Laut dem „junge Politik-Lexikon“, einem Online-Nachschlagewerk der Bundeszentrale für politische Bildung, kann Ehrenamt viele Gesichter haben: „Ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich in Vereinen, sozialen Diensten, in der Kirche oder anderen Organisationen für eine Sache, die ihnen besonders am Herzen liegt.“ Außerdem schließt die heutige Form des Ehrenamts „das Engagement für die Organisation von Protestaktionen genauso ein wie die Veranstaltung von Gala-Abenden, die Interessenvertretung in Bürgerinitiativen oder die formelle Tätigkeit als Vorstandsmitglied eines Vereins“, wie es in einer Studie des betterplace lab heißt. Dieser Studie zufolge engagieren sich in Deutschland um die 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Solche junge, freiwillig Engagierten treffen auch bei der Pfingstakademie 2014 des wannseeFORUM aufeinander. Sie diskutieren und tauschen sich aus. Und das alles unter dem diesjährigen Motto „An die Arbeit?!“.

Die Tür zum „Seezimmer“ der Altbau-Villa der Stiftung wannseeFORUM steht offen, laute Musik tönt in den Gang. Es klingt ein bisschen nach „Woodstock“. Drinnen sortiert Moderator Marcus Rüssel noch ein paar Unterlagen, hantiert am Beamer und wartet darauf, dass es mit dem Workshop losgehen kann. Der Raum füllt sich nach und nach mit Teilnehmenden, die sich ehrenamtlich engagieren und sich gemeinsam mit ihren jeweiligen Erfahrungen auseinandersetzen wollen. Sie haben sich aus den unterschiedlichsten Gründen angemeldet. „Die Anerkennung von Ehrenamt“ ist einer Teilnehmerin ein besonderes Anliegen. „Wem nutzt das ehrenamtliche Engagement eigentlich?“, fragt sich ein anderer Teilnehmer.

Marcus Rüssel, der Mann von GIGMIT.com

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Marcus Rüssel, der den Workshop mit dem Titel „Ehrenamt, Engagement, Eigenverantwortung – Grenzenloser Nutzen?“ anbietet, ist Anfang dreißig. Er trägt einen dunklen Bart und hat sich mit einer Online-Bookingagentur namens GIGMIT.com selbstständig gemacht. Seine ganz persönliche Ehrenamtsbiografie beginnt, als er mit 16 Jahren anfängt, HipHop-Partys zu organisieren. Etwa zur selben Zeit fängt er an in einer Bar zu arbeiten, um sich etwas Taschengeld dazu zu verdienen. Hier berichtet er schon von ersten „Grenzerfahrungen“. Die zeitliche Einspannung durch die Planung von Partys und die nächtlichen Schichten in der Bar führen zu Schlafmangel. Das bringt ihm in der Schule so manches Problem ein. „So mit 17 oder 18 habe ich dann nach Größerem gestrebt“ – im Alleingang stellt er Konzertveranstaltungen auf die Beine. Und so kommt es bereits zum nächsten Tiefschlag: Die Veranstaltungen werden ein finanzielles Verlustgeschäft. Das Minus von etwa 3.000 Euro kann er nur mit eigenen Ersparnissen und der Unterstützung von Freunden abzahlen. Wo das, ursprünglich als Führerscheinzuschuss eingeplante, Eigenkapital in Wirklichkeit hingeflossen sei, habe er seinen Eltern bis heute nicht erzählt.

Schier unerschöpfliches Lernpotential

An dieser Stelle zeichnet sich schon ab, was im Laufe der Session immer wieder betont werden wird: in solchen eigenverantwortlichen Praxen steckt schier unerschöpfliches Lernpotential. „Mach so ‚was nie alleine!“ ist eine Erkenntnis, die Moderator Rüssel dazu bringt, sich bei zukünftigen Projekten mit Anderen in einem Team zusammen zu tun beziehungsweise sich um entsprechende Geldgeber und finanzielle Absicherung zu bemühen.

Es folgen in einem ziemlichen Tempo viele weitere Anekdoten, die, unter anderem von „Selbstausbeutung“, von negativen Folgen „für die Figur“ und von engagementbedingtem Scheitern von Beziehungen handeln. Aber auch von positiven Erfahrungen, die Marcus Rüssel gerne immer wieder unterstreicht, wie die Begeisterung für die übernommenen Aufgaben und natürlich dem Erfolg, heute davon leben zu können, was als ehrenamtlicher – und zum Großteil unbezahlter – Einsatz begonnen hat.

Wo sind die Grenzen ehrenamtlicher Arbeit?

Zurück zum Seminar im „Seezimmer“: Die Fenster geben einen Blick auf den sonnenbeschienen Garten am Ufer des Kleinen Wannsee frei, man wendet sich im Plenum den selbstgestalteten „Ehrenamtssteckbriefen“ zu, in denen die Teilnehmenden sowohl eigene Motivationen, als auch Grenzen der eigenen ehrenamtlichen Arbeit kurz umrissen haben. Nachdem alle der jeweils 2-minütigen Präsentationen abgeschlossen sind, werden Gemeinsamkeiten gesammelt: „Nutzen“, „Spaß“, „Sinn stiften“, „Verantwortung übernehmen“, „Kontakte knüpfen“, „Lebenslauf“ und „positive Rückmeldung“ sind dabei einige, häufig benannte Motive, ein Ehrenamt zu bekleiden. Doch steckt noch mehr hinter den einzelnen Motivationen? Beim Stichwort „Lebenslaufgestaltung“ zum Beispiel werden aus dem Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch Stimmen laut, die den ideellen Anspruch bei einer solchen Selbstvermarktung vermissen. Ist ehrenamtliche Arbeit dann weniger eine freiwillige, mitmenschliche Tat, als die Hoffnung auf verbesserte Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Auf der anderen Seite können Aussagen wie „Ohne das Ehrenamt würde mir was fehlen. Ich möchte nicht einfach herumsitzen und Nichts tun“ für das genaue Gegenteil stehen, der völligen Unterordnung egoistischer Interessen unter die der Zivilgesellschaft. Aus der Runde gibt es außerdem kritische Äußerungen zu zeitlichen und körperlichen Belastungen und den finanziellen Schwierigkeiten, die ehrenamtliche Tätigkeiten auslösen können. Außerdem wird die Frage in den Raum gestellt, ob nicht Einzelne wenige zu viel Arbeit übernähmen oder ob das Engagement des Einzelnen in zahlreichen Projekten nicht zu einer „Verschiebung von Qualität hin zur Quantität“ führe.

Wann ist ehrenamtliches Engagement sinnvoll?

In welcher Form und in welchem Ausmaß sind ehrenamtliches Engagement dann heute sinnvoll? Ein Fazit der Teilnehmenden im Seminar lautet, dass es ganz auf den Einzelnen oder die Einzelne und die individuellen Umstände ankommt. Hauptsache man tut es mit einem realistischen Blick auf die eigenen Ressourcen. Und das Fazit von Marcus Rüssel? „Ich bin wie eine Dampfwalze!“. So leitet er auch zu dem Punkt über, die in seiner PowerPoint-Präsentation „set-up für Engagement“ heißt. Ehrenamt fordert seiner Ansicht nach Beständigkeit, Initiative, Hartnäckigkeit und Kreativität. Marcus‘ Augen beginnen zu funkeln, als er einmal mehr seine Methode der kontinuierlichen Selbstmotivation an seine Zuhörer und Zuhörerinnen mit einem abschließenden Zitat von Margaret Mead weitergeben möchte:„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“