Zukunftsvisionen (1): „Wie wir lieben wollen?“

Beitrag aus dem Blog der Pfingstakademie Jugendbeteiligung 2015: „Wie wir leben wollen? – Zukunftsvisionen, Utopien, Alternativen“, mit Teilnehmenden aus ganz Deutschland, 22.-26.5.2015 in der Stiftung wannseeFORUM

Braucht es eine Utopie von und für die Liebe? Und was ist Liebe überhaupt? Mit diesen philosophisch anmutenden Fragen beschäftigen sich 17 junge Utopist*innen am Thementag der Pfingstakademie 2015. Eine davon ist Lydia. Sie ist 27 Jahre und arbeitet für die Servicestelle Jugendbeteiligung. Kurz vor dem Eurovision-Songcontest haben wir uns zu einem Gespräch über Liebe, Politik und Utopie getroffen.

Interview: Viktoria Rösch

Lydia, von dir kam die Initiative zum Thema „Wie wir lieben wollen“ – Jetzt möchte ich von dir wissen, wie du vom großen Überthema der Pfingstakademie „Utopie“ auf „Liebe“ kamst.

Lydia: Wir haben uns in der Vorbereitung darüber unterhalten, was die großen Themen sind, mit denen wir uns gerade beschäftigen. Themen, bei denen wir etwas verändern wollen und wo wir merken, dass sich die eingespielten Verhaltensweisen ändern hin zu neuen Alternativen. Ich hatte in letzter Zeit mit vielen jungen Menschen Gespräche darüber, wie sich Freundschaftsbeziehungen, Liebesbeziehungen oder auch Beziehungen zu meinem Umfeld ändern. Liebe ist einfach ein Thema, das jeden beschäftigt, zu dem jeder eine Meinung und eine Idee hat, über die er sich austauschen kann.

Hast du denn selbst eine Utopie von Liebe?

Lydia: Ich glaube meine Vision – meine Utopie – ist, dass jede Person die Menschen und die Dinge lieben darf, die sie möchte, ohne Einschränkung und ohne gesagt zu bekommen: „Du bist nicht normal“. Dass Menschen vorurteilsfrei anderen begegnen und sagen „Okay, das habe ich zwar noch nie gehört, aber eigentlich finde ich es ganz spannend und wenn du ein super gutes Gefühl damit hast und überzeugt davon bist, dann muss das auch irgendwie richtig sein“. Dass beispielsweise Homosexualität eben nichts schlechtes ist, nur weil sie vermeintlich noch immer nicht in die Norm passt. Oder dass Co-Elternschaft funktionieren kann und eben auch nur ein System von Liebe ist. Co-Elternschaft sollte nichts Außergewöhnliches mehr sein, auch wenn es noch nichts Alltägliches ist.

Nun ist Liebe, wenn man zunächst darüber nachdenkt, etwas sehr Privates. Jetzt waren im World-Café auch Diskutanten aus der Politik da. Welche Rolle sollte deiner Meinung nach Politik für das „Wie wir lieben wollen“ spielen?

Lydia: Die Politik sollte klar machen, dass das Thema „sexuelle Vielfalt“ auch in Schulen frei verhandelt werden muss. Junge Menschen beschäftigen sich damit und deshalb sollte der „Umgang miteinander“ Thema im Schulunterricht und in Schulmaterialien sein.

Eine Soziologin fragt nach
Eine Soziologin fragt nach

Warum ist Schule für dich so entscheidend?

Lydia: Ich habe das Gefühl, dass dort schon die Grundbausteine bei Kindern gelegt werden, wie sie ihre Meinung nach außen transportieren können. Ich finde es ganz erschreckend, wenn junge Menschen eingeschränkt werden und Diskussion nicht so führen können, wie sie das gerne möchten. Es sollte in der Schule ganz selbstverständlich sein, Raum zu haben, um Dinge mitzugestalten. Das gilt für Liebe, sexuelle Vielfalt und Freundschaftsbeziehungen genauso wie für andere Themen, wie Mathe, Wirtschaft, Physik oder Musik.

Braucht es von Seiten der Politik Unterstützung, damit deine Utopie von Liebe funktionieren kann?

Lydia: Ja, ich glaube, dass wenn Menschen ihre Einstellungen zu Dingen ändern wollen, die Politik vorher die Basis dafür schaffen muss. Ich empfinde es als Einschränkung, dass homosexuelle Personen nicht heiraten dürfen, dass es Dinge gibt, die für sie eben nicht selbstverständlich sind wie für heteronormativen Partnerschaften. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Politik zuerst handeln sollte oder ob sie eher auf diese Entwicklungen reagieren muss. Ich denke, dass da beide Wege funktionieren könnten.

Ich habe die streitbare These aufgestellt, dass Liebe etwas Privates ist. Würdest du das so unterschreiben?

Lydia: Es ist sehr wichtig, dass jede Person ihre eigene Balance findet und jeder die Form wie er liebt und seine Einstellung zu Liebe in dem Maße nach außen tragen kann, wie er das gerne möchte. Ob jemand seine Liebe mit Formularen besiegeln darf, ist auf jeden Fall politisch. Dass jeder heiraten darf, egal welche sexuelle Orientierung, ist eine Forderung, die in der Öffentlichkeit verhandelt werden muss.

Bei aller Liebe: Hast du noch etwas, was du uns zum Schluss gerne sagen möchtest?

Lydia: Ich glaube, dass Liebe etwas ist, das ganz viele große Themen miteinander verbindet. Ich finde es schön, wenn Alternativen gedacht und Zukunftsvisionen gesponnen werden. Denn die Fragen „Wie wollen wir eigentlich miteinader umgehen?“, „Wie will ich andere Menschen lieben?“ und „Wie gehe ich Beziehungen ein?“ sollten überall mitschwingen. Liebe kann hier ein schönes verbindendes Element sein.

Vielen Lieben Dank!