Inklusion = Illusion?

Das Wort an sich dürfte vielen kaum bekannt sein. Es geht darum, dass alle Menschen – egal welcher Kultur, ob mit oder ohne Behinderung, oder unterschiedlicher sexueller Überzeugung – ihren Platz in der Gesellschaft haben und diese gemeinsam gestalten.

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„Der Weg aus dem Förderzentrum in die Grundschule – inklusive der mühevoll erkämpften und andauernd neu zu erstreitenden Rahmenbedingungen für eine Assistenz – ist sehr steinig. Nur mit der Flucht nach vorne haben wir die Ängste einer Grundschule nehmen können und uns gegen die Behörden durchgesetzt. Wir ließen uns nicht abwimmeln und heute zeigt sich, dass es mehr als gut war – entgegen aller, die anderes meinten.“

Dieses Zitat stammt von Stephanie Loos. Die Berlinerin hat einen neunjährigen Sohn mit schwerem frühkindlichen Autismus, der nun die vierte Klasse einer Regelschule mit der unbedingten Kooperation aller Beteiligten besucht.

Ob mit Behinderung, anderem kulturellen Hintergrund, unterschiedlicher (sexueller) Überzeugung – dass alle Menschen gleichberechtigt und chancengleich in einer Gesellschaft zusammen leben ist der Ansatz von Inklusion. Ein Begriff, unter dem man sich erst einmal vielleicht nicht viel vorstellen kann. Im Alltag kommt er auch eher selten vor. Wörtlich übersetzt bedeutet Inklusion so viel wie „Einschluss“ oder auch „Einbeziehung“. Jemand wird also in ein System aufgenommen, indem sich beide Seiten aneinander anpassen. Damit ist Inklusion für viele auch die Weiterführung von Integration.

So nämlich, dass Integration zwar auch ein Hereinnehmen meint, das bestehende System sich aber dafür nicht wirklich verändert. Ein Kind mit einer Behinderung muss sich hier also, soweit möglich, anpassen. Inklusion dagegen setzt auf einen umfassenden Reformprozess. Grundlage dafür ist auch die so genannte Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen vom Dezember 2006. Nach dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ haben sich die Vertragsstaaten so verpflichtet, in allen gesellschaftlichen Bereichen die Interessen und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu berücksichtigen. In Deutschland trat diese Konvention im März 2009 in Kraft.

Inklusion in der Schule

Wie die Bertelsmann Stiftung feststellte, haben rund eine halbe Million Kinder in Deutschland besonderen Förderbedarf, weil sie verhaltensauffällig, lern- oder körperbehindert sind. Und es werden jedes Jahr mehr. Während die Förderquote im Schuljahr 2009/ 2011 noch bei 6,2 Prozent lag, waren es ein Jahr darauf schon 6,4 Prozent. Allerdings besucht nicht einmal jede vierte Förderschule bundesweit eine Regelschule, also eine Grund-, Haupt-, Real-, Gesamtschule oder ein Gymnasium. Ein Problem einer Förderschule: Die Aussichten auf einen Schulabschluss sind hier eher gering. Ganze 75 Prozent der Förderschüler, die separat unterrichtet werden, erlangen nicht den Hauptschulabschluss.

Mit dem Grundgedanken der Inklusion soll sich das ändern. So gehen immer weniger Schüler mit Förderbedarf auf eine separate Sonderschule. Vergleicht man die Bundesländer, ist Schleswig-Holstein Vorreiter in Sachen Inklusion. Hier geht knapp die Hälfte aller lern- oder körperbehinderten Schüler auf eine reguläre Schule. Auch Berlin und Bremen haben schon viel getan, um förderbedürftige Schüler in den normalen Unterricht einzubinden. Schlusslicht ist Niedersachsen, hier werden nur 8,5 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet

Im Ländervergleich zeichnet sich besonders Hamburg durch ein großes Engagement aus. Hier ist der Inklusionsanteil innerhalb eines Schuljahres um mehr als die Hälfte gestiegen: von 16,2 auf 24,4 Prozent. Auch Sachsen-Anhalt und Bayern holen auf. Hier lag die Steigerung des Inklusionanteils bei 33 beziehungsweise 28,6 Prozent. Laut Bertelsmann Stiftung stellt die inklusive Schule das deutsche Bildungssystem zwar vor eine riesige Herausforderung. Doch „Inklusion wird mittelfristig zur Normalität an deutschen Schulen“, ist Vorstandsvorsitzender Jörg Dräger überzeugt.

Nötig dafür ist allerdings genügend ausgebildetes Personal und natürlich Geld. Bundesweit sind in den kommenden zehn Jahren 9.300 zusätzliche Lehrkräfte und jährlich rund 660 Millionen Euro mehr ab dem Schuljahr 2020/21 nötig, damit jeder Förderschüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, soziale und emotionale Entwicklung und Sprache sowie die Hälfte aller anderen Förderschüler an Regelschulen unterrichtet werden sollen. So die Berechnungen der Bertelsmann Stiftung.