„Inklusion ist nicht zu 100 Prozent möglich“

Bleibt Inklusion eine Illusion? Oder gibt es Wege, Menschen mit Behinderung, Migrationshintergrund und jeglicher sexueller Überzeugung einen Platz in der Gesellschaft zu geben wie allen anderen auch? Darüber diskutierte die Runde auf dem 12. Berliner jugendFORUM „Inklusion = Illusion“. Die Stimmung war teilweise sehr geladen.

Foto: Lara Lippert/ polli-Redaktion

Ich ging in den Diskussionsraum und das erste was ich sah, war ein großer Stuhlkreis aus bunten, von Kindern bemalten Stühlen. Sie gehörten zu einem Projekt namens „Mein Platz“ von einer 6. Klasse der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg. Sie ist eine inklusive Grundschule und hat täglich mit dem Thema Inklusion zu tun, also damit, wie Menschen mit jeglicher Behinderung, Migrationshintergrund und jeder sexueller Orientierung integriert werden können. Die Kinder auf der Grundschule haben teilweise Lernschwierigkeiten oder einen Migrationshintergrund.

Zur Diskussionsrunde waren die Politiker Rainer-Michael Lehmann von der SPD, Monika Thamm von der CDU und Christina Emmrich von den Linken gekommen. Vertreter der Themenpartner von Lambda :: bb und EPIZ e.V. nahmen ebenfalls an der Runde teil. Als Einstieg führten die Grundschulkinder ein kleines Stück auf: Die Schülerin Aicha ging in den Stuhlkreis, welcher eine U-Bahn in Amerika darstellen sollte. Sie wollte sich setzen, allerdings war kein Platz mehr frei. Aicha ging auf eine andere Schülerin mit Migrationshintergrund zu und sagte: „Ich bin weiß du bist schwarz, deswegen darf ich mich setzen und du musst den Platz frei machen und stehen.“ Dieses Schauspiel sollte zeigen, wie Inklusion nicht funktioniert. Damit war die Diskussionsrunde offiziell eröffnet.

Die Stimmung war teilweise sehr geladen. Anwesende Lehrer konnten endlich ihre Meinungen äußern, sie hatten anscheinend viel Wut angestaut. So kritisierten sie, dass sie keine Lehrerweiterbildungen bekämen und überfordert seien. Es gebe viele Unklarheiten, wie sie mit den Schülern und ihren Schwächen umgehen sollten. Ralf Kühl, Lehrer der Rosa-Parks-Schule, beklagte: „Die Politiker haben die Inklusion vorbereitet, aber worum geht es eigentlich?“ Diese Frage stellten sich viele. Monika Thamm antwortete darauf: „Es ist ein gesellschaftlicher Prozess, welchen die Politik begleitet. Die Politiker stellen die finanziellen Mittel zur Verfügung. Und in dieser Aufgabe sehe ich mich.“

Die Politiker wurden gefragt, welche persönlichen Erfahrungen sie mit dem Thema Inklusion bereits gemacht haben. Dazu bekamen sie folgenden Anfangssatz, welchen sie beenden sollten: „Das letzte Mal habe ich mich ausgeschlossen gefühlt, als …“. Rainer-Michael Lehmann ergänzte: …als ich in eine politische Gruppe gekommen bin, die ich nicht kannte.“ Auch Monika Thamm antwortete auf den Anfangssatz. Sie meinte: „Im Regelfall fühle ich mich nicht ausgeschlossen.“ Sie wurde gebeten den Anfangssatz doch zu beenden. Sie sagte dann: „…als ich in einer Kirche war und dem Ablauf nicht folgen konnte, denn ich bin kein Christ, sondern Jude.“

Also haben auch die Politiker schon Erfahrung mit dem Thema gemacht. Wie kann Inklusion also umgesetzt werden? Oder gilt doch: Inklusion = Illusion? Rainer-Michael Lehman antwortete darauf: „ Ich glaube nicht, dass Inklusion gleich Illusion ist, aber es ist nicht zu 100 Prozent möglich.“

Das denke ich:
Diese Diskussionsrunde war sehr erfolgreich für alle. Direkte Ergebnisse gab es zwar noch nicht, aber die Politiker wurden zum Denken und Handeln aufgefordert. Die Teilnehmer konnten ihre Forderungen und Bedürfnisse äußern und mit den Politikern auf Augenhöhe kommunizieren. Meiner Meinung nach war es sinnvoll, diese Diskussionsrunde zu veranstalten. Denn es zeigte sich, dass es viel Redebedarf gibt. Ich denke, die Diskussion war für Politiker und Jugendliche zufrieden stellend. Ich bin gespannt, was jetzt passiert und freue mich auf die Diskussionsrunde im nächsten Jahr. Dort wird sich dann auch zeigen, was sich verändert hat.