Praxis-Checker oder Loser-Klasse?

Wo liegen die Fehler im Schulsystem? Was kann das Modell „Produktives Lernen“ leisten? Diese Fragen diskutierten die Teilnehmer bei „Praxis-Checker oder Loser-Klasse“. In einem Punkt waren sich am Ende alle einig.

Foto: Lara Lippert/ polli-Redaktion

Rote Haare, eine Kopfseite abrasiert, Lederjacke – Linda ist anders, auffallend, war schwierig. Früher gehörte die 17-Jährige immer zu den Problemkindern, zu denen, die nicht lernen wollten und kein Bock auf Schule hatten. Ihre Lehrer wussten nicht weiter. Linda hatte nur schlechte Noten. „Wenn du so weiter machst“, wurde ihr gesagt, „wird nichts aus dir.“

10 Prozent der Berliner Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss. Aber Linda hat es geschafft, wieder auf die richtige Spur zu kommen. Das gelang ihr durch die neue Lernmethode an ihrer Schule. Die Reinhold-Burger-Schule in Pankow bietet das duale bzw. produktive Lernen an. Hierbei besuchen die Jugendlichen drei Tage in der Woche einen Betrieb, in dem sie arbeiten. Die anderen zwei Tage haben sie Unterricht in der Schule.

Das praxisorientierte Lernen soll das Interesse für einen Beruf wecken und so die Motivation zum Lernen steigern. Bei Linda hat es funktioniert: „Schule macht jetzt mehr Spaß. Ich sitzt nicht nur jeden Tag rum, sondern tu auch was“, sagt sie.

Vor 16 Jahren wurden in Kooperation mit dem Berliner Senat die ersten fünf Angebote Produktiven Lernens an Berliner Schulen (PLEBS) eingerichtet. Seit 2003 ist Produktives Lernen ein reguläres Bildungsangebot, das jede integrierte Sekundarschule einrichten kann. Seit Einführung haben mehr als 2.500 Schüler am Produktiven Lernen teilgenommen, etwa zwei Drittel erreichten einen Abschluss.

 

Aber ist diese Form des Lernens wirklich effektiv?

In der Diskussionsrunde zum Thema (Praxis-Checker oder Loser-Klasse) auf dem 12. Berliner jugendFORUM tauschten sich Frederike Kiesel, Bildungsreferentin der Grünen, Regina Kittler von Die LINKE, eine Vertreterin der Kinder- und Jugendstiftung Berlin und einige andere Interessierte darüber aus. Auch Linda und ihre Lehrerin waren mit dabei. Trotz der vielen positiven Erfahrungen mit dem dualen Lernen berichtete die Lehrerin auch von Schwierigkeiten: „Oft werden die leistungsschwächsten Schüler, die Problem- und ADHS- Kinder, ausgewählt, und zusammen in die PL-Klasse gepackt.“

Gleich kam die Frage auf: Sinkt damit nicht das Selbstwertgefühl der bereits antrieblosen Schüler?

Man versuche besonders auf die Probleme der Schüler einzugehen, hieß es aus der Diskussionsrunde. Darum seien in einer PL-Klasse auch viel weniger Schüler als üblich, und es gebe zwei Lehrer.

Die Diskussionsteilnehmer erkannten die Schwierigkeiten im Modell Produktives Lernen an. Sahen aber größeren Redebedarf zu anderen Problemen im Schulsystem. Die Grünen- und Linke-Politikerinen beispielsweise wollen etwas gegen das Schubladendenken tun, nach dem lernschwache und lernstarke Schüler getrennt werden. Sie sehen die Zukunft in Gemeinschaftsschulen.

Das kritisierte eine Gymnasiastin aus Steglitz stark. Ihrer Meinung nach würden die schwächeren Schüler die Leistungsstarken nur negativ beeinflussen. Die Klasse sei gespalten und könne nie gemeinsam auf einem Level unterrichtet werden.

Ein 17-jähriger Schüler sieht ein großes Problem darin, dass der Arbeitsmarkt kaum Zukunftsperspektiven für viele Schüler biete. „Man kann sich nicht sicher sein, ob man seinen Berufswunsch je erfüllen kann. Früher war der Weg klarer und sicherer“, erläuterte er. Für Grünen-Politikerin Kittler besteht gerade eine Chance durch die vielen Möglichkeiten und Wege, so könne man oft seinen Arbeitsbereiche wechseln und seinen Horizont erweitern.

Auch die Lehrerausbildung kam als Problem zur Sprache. Viel Studierende würden erst beim Referendariat merken, dass der Beruf nicht für sie geeignet sei, sagte eine angehende Lehrerin. Dann seo es für diese Erkenntnis jedoch schon zu spät. „Während des Studiums sehe ich Leute, wobei ich mich frage, wie diese Menschen jemals auf Kinder losgelassen werden können.“

Am Ende der Diskussionsrunde waren sich alle in einem Punkt einig: Es gibt viele Fehler im Schulsystem. Es ist Zeit, diese zu beheben.