„Ich lerne viel von den Schülern“

Die Diplomphysikerin Sarah von Kaminietz arbeitet für zwei Jahre als Fellow von Teach First an einer Schule im sozialen Brennpunkt. Sie ist eine Bereicherung für die Schüler und die Schule. Aber auch sie selbst profitiert von ihrem Schuleinsatz.

Sarah von Kaminietz/ Foto: privat

Sarah, du hast Physik studiert, in Australien und in Norwegen gelebt. Was hat dich danach zu deiner Bewerbung bei Teach First bewegt?

Das ganze Konzept hat mich einfach überzeugt. Ich bekomme für zwei Jahre einen Einblick in das Bildungssystem. Mit diesen Erfahrungen werde ich in meinem späteren Beruf weiter Einfluss auf das Bildungssystem nehmen können.

Sicher hattest du auch bestimmte Vorstellungen von der Schule. Haben sich diese bestätigt oder war alles ganz anders als erwartet?

Nein, Erwartungen hatte ich eigentlich kaum. Die Schule ist aber ganz anders als meine eigene Schule. Der Umgang ist strenger und der Ton manchmal rauer. Aber das ist in Brennpunktschulen wohl häufig so. Ich glaube, je schwieriger die Schüler sind, umso autoritärer sind oft die Lehrer.

Und wie genau unterstützt du die Lehrer? Wie kann ich mir deine Arbeit im Unterricht vorstellen?

Insbesondere gebe ich Einzel- und Kleingruppenförderung in Mathe: Ich nehme einzelne Schüler, die Schwierigkeiten haben oder etwas langsamer sind, aus dem Unterricht. Mit ihnen mache ich das, was die anderen in der ganzen Klasse machen. So kann ich ganz individuell auf sie eingehen. Die Schüler bekommen so die Förderung, die sie speziell brauchen. So kommen sie viel schneller zu Erfolgserlebnissen.

Und am Nachmittag – bist du da auch an der Schule?

Ja, nachmittags biete ich drei AGs an: Ich experimentiere mit den Schülern, wir bereiten uns dabei auf den Wettbewerb „Schüler Experimentieren“ vor. Außerdem biete ich eine Schwimm-AG und eine Mädchenfußball-AG an. In der Mädchenfußball-AG spielen wir sogar in einer Schulliga gegen Mannschaften aus anderen Berliner Schulen.

Du stehst also den ganzen Tag über in Kontakt zu den Schülern. Du bist weder Lehrerin, noch eine von ihnen. Wie ist da dein Verhältnis zu den Schülern?

Ziemlich gut, ich habe eine ganz besondere Rolle in der Schule, gerade weil ich keine Lehrerin bin. Ich gebe keine Noten und bin noch sehr jung und somit näher an den Interessen der Schüler. Außerdem kann ich in der individuellen Förderung auch sehr gut auf die Schüler eingehen und sie haben dabei Erfolgserlebnisse. Auch das ist sehr gut für unser Verhältnis.

Welche Bedeutung haben denn gerade die Erfolgserlebnisse?

Sie haben eine große Bedeutung, gerade für schwächere Schüler. Ihnen wird im Alltag sonst immer wieder gezeigt, dass sie etwas nicht können. Sie sagen dann von Anfang an: „Das kann ich eh nicht.“ Für ihr Selbstbewusstsein ist es wichtig ihnen zu zeigen, dass sie doch etwas können. Schule soll beibringen, wie man sich selbst etwas erarbeitet. Ein Schüler, der immer erlebt, dass er etwas nicht kann, wird sich nach der Schule in den seltensten Fällen zutrauen, sich selbstständig neues Wissen anzueignen. Die Schüler müssen in der Schule erleben sagen zu können: „Ich kann das, ich habe das verstanden.“

Du vermittelst den Schülern also vor allem, dass sie etwas können und dass sie lernen können. Wie profitiert die Schule sonst von dir?

Ich kann die Schüler individuell fördern. Das ist eine Entlastung für die Lehrer, die Klassen werden kleiner und homogener.

Außerdem bin ich zeitlich nicht so verplant wie ein Lehrer mit einer vollen Stelle. Schule soll sehr viel mehr mit dem Rest der Gesellschaft verknüpft werden, zum Beispiel durch Patenschaften und Kooperationen. Für so etwas habe ich sehr viel mehr Zeit.

Und du, was nimmst aus der Zeit bei Teach First mit?

Superviel! Zunächst bekomme ich einen Einblick in das Bildungssystem und in das System Schule. Aus der Perspektive als Fellow zwischen Schülern und Lehrern ist das ein ganz neues Erlebnis.

Außerdem bekomme ich einen Einblick in eine ganz andere gesellschaftliche Gruppe, mit der ich früher nicht in Kontakt stand. Viele Schüler haben Hintergründe, die ich vorher nicht kannte. Ich erlebe, welche Dinge den Schülern wichtig sind und wie ich sie dort abhole, wo sie gerade sind. Ich denke, solch ein gegenseitiges Verständnis trägt dazu bei, dass die Schere zwischen Akademikern und bildungsfernen Schichten in der Gesellschaft nicht noch weiter aufklafft.

Ich lerne aber auch viel von den Schülern. Sie haben einen ganz anderen, eigenen Blick auf viele Dinge. Oft erklären sie mir ihre Ansichten und ich denke: „Ja, so habe ich mir das noch gar nicht angeschaut.“

 

Die Fragen stellte Shirine Issa.