www.polli-magazin.de: Chancen ergreifen
polli-magazin www.polli-magazin.de www.berliner-jugendforum.de
Berliner Jugendforum - Polli Magazin
2010-07-22 - von: Emine Demirbüken-Wegner - Ausgabe: 02-2010 "Identität"

Chancen ergreifen

Rubrik: Mensch und Gesellschaft

Ich bin Muslimin und Mitglied der CDU. Politik bedeutet für mich, die Gesellschaft mitgestalten zu können. Politik ist die Chance auf eine bessere Geschichte. Ich sage: „Frage nicht, was der Staat für Dich tut, sondern tue etwas für den Staat!"

Foto: Berliner jugendFORUM

Von Emine Demirbüken-Wegner (geboren 1961 im türkischen Kills, jugendpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus)

Ich bin Emine Demirbüken-Wegner und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Das erste Mal kam ich in meiner Abiturzeit in Istanbul mit Politik in Berührung. Zu dieser Zeit herrschten in der Türkei bürgerkriegsähnliche Verhältnisse, das Militär putschte, es war 1980. Und es war der dritte Militärputsch in der Türkei und in der türkischen Geschichte. Damals wusste ich, dass ich etwas in der Gesellschaft verändern möchte.

Als ich nach Deutschland kam

Meine komplette frühe Kindheit hatte ich zunächst in der Türkei verbracht. 1969 ging ich mit meinen Eltern nach Neukölln. Von1980 bis 1985 studierte ich an der Technischen Universität Berlin Germanistik und Publizistik. Nebenbei arbeitete ich von 1982 bis 1987 als Sozialarbeiterin im IB Berufsausbildungszentrum in Neukölln und bei der Arbeiterwohlfahrt Kreuzberg sowie als Deutschlehrerin im Internationalen Bund und im Jugendsozialwerk. Von 1983 bis 1988 war ich zudem als freie Mitarbeiterin beim Sender Freies Berlin für die Konzeption türkischsprachiger Radiosendungen zuständig.

Mein Weg in die Politik

Heute bin ich politisch in der CDU aktiv. Politik bedeutet für mich, die Gesellschaft mitgestalten zu können. Ich möchte etwas positives bewegen. In der Türkei musste ich zuvor erleben, wie jemand aus politischen Gründen auf dem Schulhof erschossen wurde. So begannen mit Beginn meiner Zeit als Ausländer-/Integrationsbeauftragte vor nunmehr mehr als 20 Jahren die politischen „Blutströme“ in mir zu pochen. Seit 2004 bin ich Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und sitze seit 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus. Mein Weg dorthin war sicher kein einfacher: 1988 wurde ich als erste Frau mit türkischem Migrationshintergrund zur Integrationsbeauftragten eines Berliner Bezirks berufen. Dann trat ich 1995 in die Berliner CDU ein und übernahm verschiedene sozialpolitische Parteiämter. 2002 wurde ich in den Landesvorstand gewählt, 2004 in den Bundesvorstand der CDU – das alles als erste Türkischstämmige!

Politik heißt: „Frage nicht, was der Staat für Dich tut, sondern tue etwas für den Staat!“

Wer aber bin ich heute als Politikerin, wie werde ich wahrgenommen, was bestimmt meine politische Identität? Für mich persönlich waren immer politische Schlüsselerlebnisse maßgeblich, die sicherlich eingefärbt sind von der erfahrenen Sozialisation. Die öffentliche Wahrnehmung einer „Politikeridentität“ ist dann natürlich immer eine andere als die, die der politisch Tätige selbst hat. Für mich ist eine klassische Politiker-Identität heute am besten die, die J.F. Kennedy beschrieben hat: „Frage nicht, was der Staat für Dich tut, sondern tue etwas für den Staat!“

Sicher vermag Politik heute nur schwer abbilden können, wie dynamisch unsere Gesellschaft geworden ist: Diese Langsamkeit des Seins macht die Menschen „draußen“ (und übrigens auch mich) schier wahnsinnig. Das „stinkt“ einem und auch mir! Haben es Politiker und Parteien dadurch heute gleich schwerer? Klar scheint: Vor allem Jugendliche identifizieren sich heute nur schwer mit Politik und Parteien. Doch weder Goethe noch Bismarck waren in jungen Jahren von den Politikern ihrer Zeit und deren Politik begeistert. Sie gingen in die Politik, weil sie es besser machen wollten! Und es ist vor allem das große Privileg von jungen Menschen, Dinge anders zu wollen als es in ihren Augen gelebt wird. Wenn Jugendliche beginnen, sich mit dem System per se zu arrangieren, dann ist das System tot!

Gesellschaftliche Grundfragen scheinen bereits entschieden zu sein

Was hat der dynamische Wandel für die (politische) Identität von Politikern und Parteien heute zur Folge? Ist ein Verlust der Polarisierung zwischen den politischen Parteien zu verzeichnen und leiden darunter Politiker-Identitäten? Ich sage: Die großen gesellschaftlichen Grundfragen scheinen bereits entschieden zu sein. Daher sind die Gelegenheiten zur Polarisierung auch verschwindend gering. Und wo wenig Möglichkeit zum Polarisieren ist, sind auch wenig Polarisierer. Ansonsten sollte sich die Allgemeinheit aber auch fragen, wie sie mit dem Polarisierern umgeht. Ich finde, dass hier auch die Mentalität des „schick und schön“ der politischen Kultur eher abträglich ist.

Gerade die Bundesrepublik Deutschland ist – aus der geschichtlichen Erfahrung heraus – als Parteiendemokratie verfasst; individuelle Charaktere bestimmen den Gang der Geschichte. In den Parteien sind diese nur wenig vertreten. Geschichte ist dann eben verfehlte Politik. Oder: Politik ist die Chance auf eine bessere Geschichte. Wir sind zu geschichtslos, denn sonst würden mehr die Chance auf eine bessere Geschichte ergreifen.


Kommentare:

Tugce, 2010-08-06:
ja, eine Muslimin in der CDU, wie soll das denn gehen? Die CDU hat die Migranten doch jahrzehntelang mit Füßen getreten, wie kann man da in diese Partei eintreten?
Ceyhun Yakup, 2010-07-23:
Interessante Einsichten aber eines würde mich brennend interessieren: Wie kommt man als Muslimin in die CDU ? Zwischen den Anfangsjahren in der Türkei und der aktiven Arbeit in der CDU ist meiner Meinung nach eine Lücke. Was ist da passiert ?

Kommentar schreiben:

* erforderliche Angaben

*

*
*

*