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2010-07-29 - von: Meiken Hindenberg - Ausgabe: 02-2010 "Identität"

Leben auf den ersten Klick

Rubrik: Medien und mehr

Meine Identität im Netz: Wie das Leben in medialen sozialen Netzwerken soziale Beziehungen und die Persönlichkeit verändert

Foto: © Rike / www.pixelio.de

Von Meiken Hindenberg (19 Jahre, angehende Abiturientin)

Tatsachen lassen sich nicht mehr zurückdrehen: Der Fortschritt ist unser Ethos - er lässt die Ungeduld der Menschen wachsen. Im Gleichschritt wollen wir mit all denen bleiben, die zum Stamm der „digital natives“ gehören: die bunten Hunde des cyberspace, all die bewundernswerten Geschöpfe, die sich mit ihrer Selbstverständlichkeit in sämtlichen Foren durch ihre kompetenten Kommentare einen Namen machen und leichtfüßig von Plattform zu Plattform hüpfen - jedes social network ist ihnen ein zu Hause.

Wer bin ich und wer kann ich durch welche Profile sein? Netzwerke verändern unsere Kommunikation, sie verändern unser Leben, unseren Alltag – unsere Identität. Zwar sind wir noch immer Menschen, nur gehören wir zum erlesenen Kreis des who is who, zur Internetprominenz, die jegliche Energie in die Pflege eines Internetauftritts legt. Ein Ventil für all jene bieten mediale Plattformen heute, die trotz Minderbegabung einen inszenierten Erfolg und Anerkennung versprechen - Bravo! Exklusivität! Ohne Können doch hoch hinaus.

Psychologischer Draufblick

Inwiefern mediale Selbstabwertung wegen Neid ins Leere greift, beschreibt die Überlegung an die menschliche Persönlichkeitsstruktur. Nicht jeder ist anfällig für mediale Selbstvermarktung, aber sie nimmt zu. Sie bestimmt nicht nur die Arbeitswelt, sie dominiert auch immer mehr die Privatsphäre. Aber es gibt einen höheren Sinn: Den Nutzen, mit liebgewonnenen Menschen im Ausland in Kontakt zu bleiben, Projekte und Kritik öffentlich zu machen und Gleichgesinnte dafür zu mobilisieren. Eine Plattform für Ideenreichtum! Trotz technologischem Fortschritt behalten Humanität und Naturgesetze noch ihre Gültigkeit, wenn man auch nicht verleumden kann, dass das Zeitalter der technologischen Revolution angebrochen ist und zumindest in diesem Bereich in nächster Zeit kein Rückschritt zu erwarten ist.

Das mediale Zeitalter

Zur Erinnerung: Das mediale Zeitalter ist noch recht jung. Und doch schon zu alt, um sich als junger Mensch schon zu fragen, wie es wohl vorher war. Wie war das Leben vor dem Mobiltelefon? Wie verliefen Verabredungen ohne Facebook? Was hat man eigentlich den ganzen Tag gemacht, als es noch keine sozialen, medialen Netzwerke gab? Programmgesteuerte, binäre Rechenmaschinen gab es zwar schon in den 1930er Jahren, die Blütezeit des Heimcomputers brach jedoch erst in den 1980er Jahren an, nachdem das Internet 1969 aus dem sogenannten ARPANET, einem Projekt der Advanced Research Project Agency des US-Verteidigungsministeriums, entstand, das anfänglich zur Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen genutzt wurde eigentlich durch die Möglichkeit der störungsfreien Kommunikation einen Atomkrieg verhindern sollte. In den 1990er Jahren brach die Zeit des www an, heute leben wir medial in Saus und Braus: Ein Leben ohne Mobilfunk, StudieVZ, Schüler VZ, MySpace oder Facebook scheint kaum mehr möglich - all diese Plattformen sind gerade mal ein Jahrzehnt alt.

Macht Internetpräsenz attraktiv? Was macht die Technik mit uns Menschen?

Das Ich ist heute online: Wie der Pfau auf Brautshow werden social skills verkleidet als Freundschaftseinladung und Veranstaltungseinladungen nebst Urlaubsfotos aus Bali aufgefächert. Und siehe da, vor zwei Minuten, die Schnappschüsse von der Aftershowparty sind bereits gepostet. Man selbst sitzt vor dem Bildschirm, fühlt sich klein und unbedeutend und drückt paralysiert den „I like“ Button. Auch so kann das Leben vorangehen: Cyberspace und Planet Erde sind reich geworden, reich bewohnt, überbevölkert, aber Lebensqualität und Gefühlserleben auf und in ihnen sind verschieden. Im Internet werden die Hüllen eiliger fallen gelassen, Ängste werden abgestreift und das geschriebene Wort schlägt oft höhere Töne an als das Gesprochene.

Es bedarf dann nur einer 180° Wende mit dem Drehstuhl weg vom Bildschirm, um einer unangenehmen Konfrontation aus dem Weg zu gehen - menschliche Regungen und Unsicherheiten verschwinden hinter dem Monitor, einer dicken Glasplatte stabil und schützend für all jene mit sozialer Phobie. Vermeidungsverhalten einer Gruppe von Sozialphobikern wird geübt, Hemmungen und Verletzungen prallen an der Firewall ab.

Das Internet: Nische für Egozentriker und Narzissten

Sicher, das Internet macht das Leben unkomplizierter, flexibler, schneller, es bietet aber auch Egozentrikern und Narzissten eine Nische. Mitteilungsbedürftig wird, wer mit wem die krassesten Begegnungen in der U1 hatte, wer mit dem letzten Schund schockiert, sich selbst in vorteilhaften Fotoalben mit dem Titel „It´s me“ zur Schau stellt – es nimmt wohl kein Ende. Blogger, Party people und Virtuosen des underground vereinen sich, schwallen in Selbstgesprächen, auch wenn man meinen könnte, die Zeit sei doch eigentlich besser zu nutzen. Wir nennen uns Follower und konsumieren das wahnsinnige Leben, anstatt selber etwas zu produzieren.

Man neigt zu behaupten, unsere Generation hat den medialen Umgang mit der Muttermilch aufgesaugt und immer früher kommen Daumenlutscher mit Technik in Berührung. Es stellt sich nur die Frage, welche Uniformierung und Anpassung im menschlichen Charakter sich auf das Wesen übertragen? Wie viel Menschheit bleibt noch übrig in der heranwachsenden Jugend? Wer ist man denn noch, wenn man via Internet überall und mit allen sein kann?

Vor allem wird so die Fähigkeit veräußert, Nähe und Vertrauen zu schenken. Nicht nur die zwischenmenschliche Ebene wird sich heute einem Update unterziehen müssen, wenn wir alle per Mausklick befreundet sind. Auch Wahrnehmungen werden verformt, wir sind immer mehr auf den Stimmfang und die Meinungen von außen angewiesen, um uns zu definieren und um irgendwer zu sein. Körperbau und kognitive Fähigkeiten können nicht auf dem Stand verharren, wo wir stehen. Sah man einst farbiges Fernsehen und wählte zwischen zwei Programmen - damals revolutionär, heute lachhaft – kann heute nichts mehr schrill genug, zu laut und exzessiv sein.

Fast abgestumpft und gelangweilt nehmen wir so den Fortschritt hin – und sind doch oft rückständig: Uns beeindruckt so leicht nichts mehr, die mediale Überflutung wird zum Betäubungsmittel von Emotionen. Das Normalste von der Welt, die Face-to-Face-Kommunikation, wirkt beinah umständlich, Katastrophenmeldungen, menschenverachtendes Hartz 4-TV und You Porn, ein Klick weiter extremistische Online-Kampagnen - all das lassen wir über uns ergehen. Who cares? Ein kurzer Piekser, das war’s, man kommt mit der ganzen Emphatie gar nicht mehr hinterher.

Wir befinden uns noch immer im Umbruch

Das Gute daran: Es ist mit einer Abrechnung unserer Zeit viel zu verfrüht, wir befinden uns noch im Umbruch. Die Vorurteile und Rügen gegen die Technisierung wären vielleicht vergeben und das ganze Potential steht in 20 Jahren in seiner vollen Blüte, denn zugegeben: Das Internet ist schon eine wunderbare Sache, erleichtert vieles und bereichert das Leben, Privatsphäre hin oder her.

Auch die Studie eines Wissenschaftlerteams der Gutenberg-Universität Mainz bestätigt: Großteils sind Nutzerprofile keine selbstverliebten Narzisstenportraits, sondern nah an der Realität erstellt. Die Studienteilnehmer, die mindestens ein Profil bei studiVz & Co hatten, füllten Fragebögen aus, die bewiesen, dass sie ihrer medialen Persönlichkeit zum Verwechseln ähnlich waren. Es liegt dann wohl in der Entscheidung jedes Einzelnen, wie sehr und in welcher Form er den Medien in seine Privatleben Einzug gewährt. Es ist allerdings nicht abzustreiten, dass sich der Druck auf diejenigen erhöht, die sich nicht vernetzten wollen oder können.

Was uns eint: Wir alle haben das Bedürfnis, unsere Individualität auszuleben. Wer sich wohl fühlt mit dem Laptop auf dem Schoß, allein im Zimmer und doch mit der ganzen Welt vereint, der soll doch sein Innen- und Außenleben durch Profile kommunizieren. Das ist auch spannend, was gerade mit uns passiert, (fast) alles können wir per Klick bekommen. Die Gefahr, dass wir überfüttert mit emotionalen Bindungen im Internet untergehen, gibt es nur für die, die sonstige Bindungen nicht normal pflegen können. Die bekommt man nämlich nur durch menschliche Nähe - in echt und im Jetzt. Und da schau ich meinen Freunden doch lieber in die Augen.


Kommentare:

walter emil, 2010-08-25:
Stilistisch und argumentativ glänzend geschriebener Artikel: klarer Aufbau und dialogische Strukturen regen zur Lektüre an, in der sich viele erkennen werden. Die Argumente pro und contra Internet erfassen eine beeindruckende Bandbreite von Internet-Phänomenen, Verhaltenweisen und bereits automatisierten Wahrnehmungsmustern (redundante Kommunikationsformen, die eher die Entfremdung fördern). Was allerdings fehlt, ist der Hinweis, daß das "Leben auf den ersten Klick" in einem breiteren Kontext steht. Das Internet entwickelt sich unaufhaltsam zum kulturellen Gedächtnis der Menschheit, das Informationen und Erkenntnisse speichert und anbietet. Was als Informationsüberflutung erscheint, ist letztendlich der Versuch, gegen das Vergessen anzukämpfen und Formen der Erinnerung zu schaffen, die der ganzen Menschheit überliefert werden sollen. Gegen Überflutung hilft gezieltes (fach- und interessenbezogenes) Recherchieren. Daß das Internet auch oberflächliche Selbstdarstellungsphänomene fördert, ist offensichtlich ein Indiz dafür, daß Menschen nach neuen Kommunikationsformen suchen, weil die alten obsolet geworden sind. Wer allerdings nur dafür das Internet sucht, verkennt das Potential des Internets, das Wissen mehrt und Bildung schafft; Narzissen und Egozentriker bleiben auch ohne Internet das, was sie sind. Wer intelligent ist, nutzt gezielt das Internet, denn - man lernt nie aus!
Jan-Jerzy, 2010-08-02:
Goethe lässt im Faust (Prolog im Himmel) den Herren sagen:
„Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir's nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.“
Jede revolutionäre Entwicklung der Vergangenheit wurde mit Skepsis und Misstrauen begleitet. Aber die daraus resultierenden Veränderungen führten zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Menschen (Dampfmaschine zur Arbeitserleichterung, Eisenbahn und später das Auto zur Mobilität der breiten Masse und nicht nur der Privilegierten, Elektrizität zur Fortentwicklung der Technik der letzten Jahrzehnte und zur Basis der heutigen Möglichkeiten).
Wie die Autorin richtig bemerkt, ist das Internet „… gerade mal ein Jahrzehnt alt“ und die Frage, was steht am Ende dieser Entwicklung, ist noch längst nicht beantwortet.
Die Autorin hat eine bewundernswerte klare und objektive Beschreibung des Internets gefunden und einen Beitrag zu Beantwortung dieser Frage geliefert.
Schade, dass dieser Artikel nicht eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Er hat mich, als älteren Menschen, in dem Optimismus, dass unsere Jugend damit verantwortungsvoll umgehen wird, bestärkt.
Martina, 2010-08-01:
Ich bins, ich habe in den 80ern gelebt und sogar meine Jugend verlebt.
Ohne Handy und facebook kamen Verabredungen zustande, wurden Freundschaften geschlossen und sind zerbrochen.

Zugegeben, es bedurfte größerer Organisation, Zeit und Disziplin einmal Verabredetes auch einzuhalten, da die mobile Möglichkeit zu verschieben oder abzusagen fehlte aber ist es nicht in den 80ern wie heute die Wichtig- und Wertigkeit die wir in den Umgang miteinander legen? Vielen Dank für diese punktreffende und dabei wohlwollende Einschätzung unsreres Kommunikationszustandes und die hoffnungsfrohe Aussicht doch erst an einem Umbruch zu stehen und eine Abrechnung nur ein Lernen aus Fehlern heißen kann.

Ich freue mich über und auf eure neue Generation von gefühlvollen und gleichermaßen intelligenten Menschen, die das Internet zu dem machen, was wir brauchen, ein Medium das uns einander näher bringt, Ängste und Vorurteile durch Information abbaut, Grenzen überwindet und Brücken schlägt in uns bislang Unbekanntes und Fremdes.

Das Internet ist nicht der Grund sondern der glasklare Spiegel für eine Gesellschaft, die ihre Wurzeln und ihre Seele zu verlieren droht...aber abgerechnet wird später, jetzt ist Zeit für Veränderung.

Ich freu` mich drauf...
Martina

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